„Die Rückkehr des Krieges – Warum wir wieder lernen müssen, mit Krieg umzugehen“ von Franz-Stefan Gady

Ist der Autor seriös? Ja, Franz-Stefan Gady ist seriös. Er gehört zur kleinen Gruppe deutschsprachiger Sicherheitsexperten mit internationaler Reputation. Er arbeitet u.a. am International Institute for Strategic Studies (IISS) in London, einem der führenden Institute zur Erforschung militärischer Konflikte. Gady ist Jahrgang 1982 und österreichischer Reserveoffizier. Seit Jahren ist er in Kampfgebieten unterwegs, um die Praxis des modernen Krieges aus erster Hand zu sehen. Die Ukraine hat er nach der russischen Invasion mehrfach bereist. Er berät Militärs und Politiker. 

Das Buch von Franz-Stefan Gady steht auf der Shortlist des Deutschen Sachbuchpreieses 2025. 

Warum gibt es überhaupt Kriege?

Im ersten Teil des Buches geht es um eine Frage, um deren Beantwortung sich viele drücken. Die deutsche Nachkriegsgesellschaft hat das Thema Krieg als etwas betrachtet, das es nie wieder geben darf. Das war nachvollziehbar nach der Erfahrung der zwei Weltkriege, die Europa an den Rand des Untergangs brachten.

Berlin 1945/Quelle: Stadtmuseum Berlin

Allerdings führte die Verdrängung der Tatsache, dass in der ganzen Welt ständig Kriege geführt wurden und werden, dazu, „dass unter politischen Entscheidungsträgern de facto eine kollektive Amnesie (herrschte): Niemand (in Europa) wusste mehr zu sagen, warum Kriege überhaupt stattfinden.“

Das hat heute fatale Konsequenzen. Denn „die lang gehegte Illusion (eines unmöglichen Krieges in Europa) war ein schweres Handicap für Europas politische Klasse im Umgang mit Vladimir Putin…Sie hatten die Lage schlicht falsch eingeschätzt.“ Falsche Einschätzungen lösen Kriege aus, so die Kernthese von Gady

Kein Frieden durch Handel

Europa hat in seinem Verhältnis zur Sowjetunion und dann zur Russischen Föderation lange auf beiderseitige wirtschaftliche Interessen gesetzt. Die Formel „Wandel durch Handel“ stellte sich aber spätestens 2014 als Illusion heraus. Russland überfiel die Ukraine auch, weil Europa von russischen Energielieferungen abhängig und damit erpressbar war.

Nach der Beendigung fast aller Handelsbeziehungen muss sich Europa fragen, warum Putin in den Krieg zieht, obwohl es ihm wirtschaftlich nichts bringt.

Der griechische Geschichtsschreiber Thukydides, Gady bezeichnet ihn als ersten bedeutenden Denker über den Krieg, wies darauf hin, dass Kriege in erster Linie aus Hybris und „Ehre“ geführt werden. „Wir dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wiegen, wenn es gesamtwirtschaftlich unsinnig wäre, einen Krieg zu beginnen.“ Erst an zweiter Stelle nennt Thukydides die Aussicht auf materielle Zugewinne der Angreifer.

Thukydides (ca. 454 – 396 v.Chr)

Putins Invasion der Ukraine macht aus Russland einen internationalen Paria, macht es arm und rückständig. Aber das sind keine Kategorien für einen Ex-KGB-Offizier, der in die Geschichte eingehen will.

Auch bei einem Mann wie Xi Jinping, dem chinesischen Staatschef und Parteichef, sollte man sich fragen, wie lange er täglich über die bevorstehende, notfalls erzwungene „Wiedervereinigung“ mit Taiwan schreiben lassen kann, ohne irgendwann loszuschlagen.

Fatale Fehleinschätzungen

Kriege werden nicht zuletzt wegen technologischer und struktureller Fehleinschätzungen begonnen. Wie diese etwas abstrakt anmutenden Ursachen Kriege wahrscheinlicher machen, zeigt Gady anhand historischer Fallbeispiele.

Die Militärgeschichte ist eine Geschichte geprägt von einem technologischen Lösungsglauben und dem Reiz sogenannter Wunderwaffen.“ Manchmal ist die technologische Überlegenheit Realität. So in der Schlacht von Omdurman 1898, in der auf der britischen Seite weniger als 50 Soldaten fielen, aufseiten der sudanesischen Aufständischen über 12.000 Mann. Das neuartige Maschinengewehr war entscheidend. Der Einsatz von Strahljägern und Raketen (V – 1 und V – 2) durch Hitler im Kampf gegen die USA und ihre Verbündeten jedoch nicht.

Die V1 als vermeintliche Wunderwaffe

Eine strukturelle Fehleinschätzung, die einen Krieg in Europa wieder wahrscheinlicher macht, ist das blinde Vertrauen europäischer Staatschefs in die stabile Führungsrolle der USA. Tatsächlich waren die Militärausgaben des „Weltpolizisten“ über Jahrzehnte deutlich höher als in anderen westlichen Ländern.  Für Deutschland und Europa besass die selbstständige Verteidigungsfähigkeit keine politische Priorität. Nicht für die Bundeskanzlerin Merkel und nicht für Bundeskanzler Scholz. Der Preis muss jetzt bezahlt werden.

Denn die Position der USA zur Welt hat sich grundlegend geändert, ohne dass es in Europa wahrgenommen wurde. „Teile der politischen Elite (in den USA) wollen die wertebasierte liberale Weltordnung weder wirtschaftlich noch militärisch weiter subventionieren“, schreibt Gady. Mit dem Ergebnis, dass Europa und die NATO ohne die USA gegenüber einer Kriegswirtschaft in Russland kein Abschreckungspotential mehr besitzen. Ein vielleicht kriegsauslösender Fehler, schreibt Gady.

Was müssen wir wieder über den Krieg lernen?

Das Diktum von Carl von Clausewitz, Krieg sei die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln, kennt fast jeder. Kaum einer versteht, was das bedeutet: „In unserer westlichen Gesellschaft wird Krieg oft als eine Art von Naturkatastrophe verstanden, die sich im Zweifelsfalls weder verhindern noch kontrollieren lässt.“ Der SZ-Kolumnist Heribert Prantl ist für Gady ein angesehener Dampfplauderer, der diesen Irrtum verbreitet.

Offensicht hat Prantl das Buch von Clausewitz nicht gelesen. Und auch nicht über die Ursachen von Kriegen nachgedacht.

Dampfplauderer Prantl

Denn tatsächlich ist es anders: „Was den Beginn eines Krieges betrifft, haben wir es immer mit bewussten politischen Entscheidungen zu tun.“ Friedrich der Große, Napoleon, Lenin, Hitler, Stalin, Putin und Co. trafen bei vollem Bewusstsein Entscheidungen für den Krieg. Weil sie meinten, ihn gewinnen zu können.

Auch andere Inhalte von Clausewitz´ Werk „Vom Kriege“ sind im deutschen Sprachraum in Vergessenheit geraten. Daran ist die schwergängige Lektüre dieses Klassikers der westlichen Kriegsgeschichte mitschuldig. Der in Magdeburg geborene von Clausewitz (1780 – 1831) verstarb, bevor er sein Manuskript überarbeiten konnte. Seiner Frau ist zu verdanken, dass wenigstens das halbfertige Werk veröffentlicht wurde.

Buchumschlag des 3. Teils von „Vom Kriege“

Wer „Vom Kriege“ verstehen will, erhält durch Gady einen Zugang. Was hierzulande kaum bekannt ist: In der Welt der Militäranalysten ist von Clausewitz bis heute Pflichtlektüre. Auch in den USA, in China und in Russland.

Der deutsche Marineoffizier Lennard Souchon (Jahrgang 1942) hat schon 2012 eine Lesehilfe zum Buch  von Clausewitz veröffentlicht. Souchon ist wie Gady am IISS gewesen.

Es muss gesagt werden: Weder Gady noch Souchon wollen den Krieg. Im Gegenteil, sie wollen ihn vermeiden, in dem sie die politisch Handelnden auf die Gründe für Kriege hinweisen.

Clausewitz war ebenfalls kein Freund des Krieges. Seine auf Geschichte und Analyse basierenden Aussagen sind zeitlos: Krieg ist Gewalt, Krieg ist ein Wettbewerb des Willens, Krieg ist von Zufällen bestimmt. Franz-Stefan Gady übersetzt das alles in die heutige Zeit. Statt Vorderladern gibt es Präzisionsgeschosse, statt den „langen Kerls“ in Preußen gibt es heute Wehrpflicht, der Zufall ist geblieben.

Kriegskulturen

Spannend sind die Passagen, in denen es um die Art der Kriegsführung einzelner Länder geht. „Von der strategischen Kultur eines Landes lässt sich einiges über dessen Sicherheits- und Verteidigungspolitik ableiten.“ Während die USA auf technologische Überlegenheit setzen, sind „chinesische und russische Militärkulturen noch sehr stark von alten sowjetischen und starren Hierarchien geprägt.“ Auch das ukrainische Militär. Der Autor beobachtete vor Ort, was das bedeutet. „Anfang 2024 ordnete das ukrainische Oberkommando an, dass grundsätzlich jede verloren gegangene Stellung durch schnelle Gegenangriffe zurückerobert werden müsse.“

Dieser Befehl führte zu hohen Verlusten, weil die örtlichen Gegebenheiten keine Rolle spielten. Nach wenigen Monaten waren die Verluste so hoch, dass der ukrainische Präsident Selenskyj den Oberkommandierenden absetzte. Auf der russischen, und man darf vermuten auf der chinesischen Seite spielen Verluste an Menschen dagegen keine Rolle.

Das war jedenfalls in den russischen Kriegen der letzten Jahrhunderte so. Zwei Wochen vor der Einnahme von Berlin verlor die Sowjetunion in einem sinnlosen Angriff bei Frankfurt an der Oder 50.000 Mann. Und gewann den Krieg trotzdem.

Wie sehen die Kriege der Zukunft aus?

Die Überschrift über dem dritten Teil ist irreführend. Tatsächlich geht es konkret darum, wie der nächste Krieg in Europa aussehen könnte.

Deutschland will ebenso wenig wie Europa einen Krieg führen. Aber Franz-Stefan Gady zitiert den kommunistischen Revolutionär mit einer bitteren Wahrheit: “Du magst nicht an Krieg interessiert sein, aber der Krieg interessiert sich für dich.“

Vilnius, die Hauptstadt von Litauen hat in den Planungen der NATO eine zentrale Bedeutung. Sie liegt nur 30 km westlich der belarussischen Grenze. Die Einnahme von Vilnius ist bei einem Angriff Russlands kaum zu verhindern, zu nahe liegt die Stadt an der Grenze. Die NATO-Planer gehen laut Gady davon aus, dass die russische Armee Vilnius innerhalb von „drei bis vier Tagen“ erreichen und einnehmen wird.

Die im Baltikum stationierten NATO-Truppen mit etwa 20-40.000 Mann werden nur verhindern können, dass die Geländegewinne der Russen noch größer werden. Alles wird von dem vorgesehen Gegenangriff abhängen. Die NATO wird laut Planungen innerhalb eines Monats mindestens 300.000 Soldaten an die Front bringen, um Vilnius zurückzuerobern.

Landkarte von Litauen

Alles weitere ist offen. Von zentraler Bedeutung wird sein, ob der Suwałki-Korridor zwischen dem russischen Kaliningrad und Belarus von NATO-Truppen offen gehalten werden kann. Aber: „Sollte der NATO-Gegenangriff erfolgreich sein, würde die Androhung des Einsatzes nuklearer Waffen wohl vehementer ausfallen, so dass sich die Frage aufdrängen würde, ob Russland taktische Nuklearwaffen, die eine Sprengkraft von unter einer Kilotonne bis zu 50 Kilotonnen haben, auf dem Gefechtsfeld einsetzen würde (zum Vergleich: Die Atombombe von Hiroshima hat eine Sprengkraft von 13 Kilotonnen, jene, die über Nagasaki abgeworfen wurde, eine von etwa 21 Kilotonnen)“.

Das Dilemma der USA

Man kann vom US-Präsidenten Trump halten, was man will. Aber er hat als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte schwierige Entscheidungen zu treffen . Die er selbst nicht herausgefordert hat. Alle Militärplaner gehen davon aus, dass im Falle eines Angriffs Russland auf die europäische NATO ein sofortiger Angriff Chinas auf Taiwan folgt. Oder umgekehrt.

Der von Trump faktisch ausgeübte Zwang auf Europa, endlich mehr für die eigene Sicherheit zu tun, ist ohne Alternative.

Was sollen die USA auch tun? Sie können es nicht mit den Atommächten China und Russland gleichzeitig aufnehmen. Überhaupt nicht, wenn die Europäer nicht in der Lage sind, sich ein bißchen selbst zu verteidigen. Die Gefahr des Zweifrontenkrieges, in den die USA geraten könnten, erlangt kaum Medienöffentlichkeit in Deutschland. Den aufmerksamen Zeitungsleser sollte diese gefährliche Entwicklung eigentlich nicht überraschen. China verbreitet täglich auf allen Nachrichtenkanälen Kriegspropaganda gegen Taiwan. Putin hat mehrmals die Rückholung der baltischen Staaten und anderer osteuropäischer Staaten „heim ins Zarenreich“ angekündigt.

Wie den Krieg verhindern?

Jede Lösung ist besser als der Krieg“, sagte der Vater von Franz-Stefan Gady. Aber es ist sinnvoll, sich mit dem Krieg zu beschäftigen, damit er weniger wahrscheinlich wird. Der Pazifismus geht nach Gady von einem Menschenbild aus, das es in der Geschichte des Homo Sapiens zu keiner Zeit gegeben hat. Nicht jeder Mensch ist friedlich. Zu oft entscheiden sich Menschen, die die Macht dazu haben, andere Menschen anzugreifen.

Das einzige Mittel, zum Opfer eines Angriffs zu werden, ist glaubhafte Abschreckung.

Das kann jeder nachvollziehen können, der in seiner Kindheit oder Jugend mit Schulhofschlägern zu tun hatte. Diese hielten sich von denen fern, die ihnen körperlich überlegen waren. Die positive Botschaft von Gady ist, dass es keinen Automatismus gibt, der zu einem Krieg führt. Aber man muss den Aggressoren die Entscheidung zum Krieg so schwer wie möglich machen. Das ist die aktuelle Aufgabe Deutschlands und Europas.

Fazit

Das Buch von Gady richtet sich an interessierte Laien. Wer nicht alles gleich lesen möchte, kann nach dem ersten Teil erst einmal den kurzen dritten Teil lesen. Der erste Teil, in dem es um die Frage geht, warum es überhaupt Kriege gibt, wird manchen Pazifisten ins Grübeln bringen. Harte Kost ist der dritte Teil, der die Szenarien der westlichen Militärstrategen für einen russischen Angriff auf Europa beschreibt. Der zweite Teil beinhaltet das, was wir über den Krieg wieder lernen müssen – um ihn zu verhindern.

Wie bei anderen wichtigen Büchern wünscht man sich, dass dieses auch von Politikern gelesen wird, die über unser Schicksal entscheiden. Ein Vorschlag für Menschen mit wenig Zeit: Lassen Sie sich von ihren Referenten eine Zusammenfassung geben.

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