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Geschichte zum Nachdenken.
Moskau, November 2007. Am Ausgang des Flughafenterminals steht Sergei. Er grüßt mich mit einem kurzen Kopfnicken. Ich gebe ihm die Hand. Er trägt noch die übergroßen Brillengläser, wirres Haar, etwas zu lang. Er fährt mich über die Tverskaja zum Savoy gegenüber vom Detski Mir. Ein kurzer Abschied. Ich werde ihn nie wieder sehen.
Dieser Sergei war Sergei Mavrodi, der größte Finanzbetrüger in der Geschichte der Menschheit. Jedenfalls was die Zahl seiner Opfer angeht. Er brachte bis zu 40 Millionen seiner russischen Landsleute um ihr Erspartes.
Zufall
Das erste Mal traf ich Sergei im Frühjahr 1992, als er mich vom Flughafen Scheremetjewo II in die Stadtmitte brachte. Wie andere Fahrer wartete er am Ausgang auf Passagiere. Zufällig wählte ich ihn. Mit seiner Riesen-Brille sah er aus wie ein alt gewordener Pennäler. Wie er im Auto erzählte, hatte er Mathematik studiert und als Programmierer gearbeitet.
Dass solche Leute damals als Taxifahrer Geld verdienen mussten, war üblich. Geld war knapp. Es war die Barter-Zeit. In St. Petersburg hatte ich einmal einen Literaturprofessor als Fahrer.
Sergei war gesprächig. Er erzählte, dass er die neuen Freiheiten unter Gorbatschow genutzt habe. Er habe mit Computerteilen gehandelt. Musste aber daneben einen „offiziellen“ Job halten. Reich sei er nicht geworden. Taxifahrten mache er nebenher. Wie viele Moskauer, die sich ein paar Rubel verdienen wollen.
Dann sagte er mir, er habe einen Plan entwickelt, absolut sicher, wie er mit Aktien reich werden könne. Man werde von ihm hören. Ja sicher, dachte ich.
Werbung
Im russischen Fernsehen startete 1993 die erste große Werbekampagne. Zu jeder Tages- und Nachtzeit fesselten die Werbespots einer Aktiengesellschaft namens MMM ihre Zuschauer. MMM stand für Sergei Mavrodi, Viatcheslav Mavrodi und Marina Murawjowa.
Meinen Taxi-Sergei brachte ich mit MMM erst in Verbindung, als die ersten Fotos von ihm in der Öffentlichkeit auftauchten. Er hatte sich äußerlich nicht verändert. Die Brille war sein Markenzeichen. Aber er war besser angezogen.

Ausschnitt aus MMM-Werbespot/Quelle: Youtube
Die kurzen Spots von MMM erzählten den ehemaligen Sowjetbürgern in mehreren Episoden, wie man nicht nur selbst reich werden kann, sondern was auch Freunde und Familie davon haben. Ohne zu arbeiten. Bekannte sowjetische Schauspieler und Schauspielerinnen stellten die „einfachen Leute von Nebenan“ dar, die mit MMM ein neues Leben beginnen konnten.
Anfangs überlegt ein „Lenya“, der typische Mann von nebenan, wie er seiner geliebten Frau Olga neue Stiefel kaufen kann. Später lädt er sie mit den Gewinnen aus dem Handel mit MMM-Aktien nach Amerika in ein Luxushotel ein.
Betrug
Mit dem Verkauf von Aktien begann MMM im Februar 1994, als Mavrodi so bekannt wie der russische Präsident war. Über ein dichtes Netz von Büro verkaufte MMM in Moskau und St. Petersburg Anteilsscheine an MMM. Sie hießen „Mavros“.
Der Clou: Gleichzeit veröffentlichte MMM die An- und Verkaufspreise der Scheine für die nächsten Tage. Die angesehene Iswestija druckte die Preislisten täglich gleich oben auf der ersten Seite ab. Der Rückkaufpreis stieg jeden Tag. Wer heute für 100 Rubel einen Mavro kaufte, bekam morgen 101 Rubel dafür.
Nach wenigen Tagen hatte sich herumgesprochen, dass MMM seine Anteilsscheine tatsächlich zu einem höheren als den Einstandspreis zurückkauft. Ein dramatischer Run auf die MMM-Büros setzte ein.

Das MMM-Logo 1994
Schätzungen zufolge gab es bis Ende Juli 1994 zwischen 10 und 40 Millionen „MMM-Aktionäre“. Für die frühen Einsteiger erfüllte sich die wundersame Geldvermehrung. Die meisten investierten ihre „Gewinne“ aber gleich wieder. Bis das Schnellballsystem zusammenbrach.
Denn eine Steuerbehörde bereitete dem Spuk ein Ende und verhaftete Mavrodi im August 1994.
Dieser machte gegenüber seinen „Aktionären“ erfolgreich den russischen Staat für das Ende des Geldsegens verantwortlich. Mit dieser Masche wurde er Anfang 1995 in die Duma, das russische Parlament gewählt, um Immunität vor der Strafverfolgung zu erhalten. Seinen Sitz verlor er im Oktober 1995 wieder. Dann tauchte er unter.
Frunsenskaja Nabereschnaja
Das zweite Mal sah ich Sergei Mavrodi im Sommer 2002 im Flur eines Hauses an der Frunsenskaja Nabereschnaja, einer Straße am Ufer der Moskwa. Ich erkannte Sergei Mavrodi an seinem Brillengestell gleich wieder.
Der „Rayon“ ist eine der ältesten und besten Moskaus. Mitten in der Staat gelegen ist die Luft wegen der Nähe des Flusses gut. Hier wohnen in der Sowjetzeit Angehörige der Nomenklatura, KGB-Spione, Schauspieler, Politiker.
Mein Zugang zur Frunsenskaja Nabereschnaja war eine russische Freundin, deren Großmutter in einem Theater gearbeitet hatte. Über das Theater war sie an die Ein-Zimmer-Wohnung gekommen, wie das in der Sowjetunion üblich war. Wer ihre Nachbarn in dem Haus waren, wusste die Großmutter nicht. Meine Freundin besuchte ihre Großmutter oft. Ich holte sie manchmal dort ab.

Frunsenskaja Nabereschnaja/Foto: A. Savin
Ich wartetet mit dem Mann, der aussah wie Sergei Mavrodi, auf den Fahrstuhl, der nicht kam. Ich sprach ihn an. Er erinnerte sich an die Taxifahrt. Er sagte, es gehe ihm gut, aber er habe wenig Geld. Ich fragte ihn, ob er noch Taxi fahre. Gelegentlich, sagte er. Und er gab mir einen zerknitterten Zettel mit einer Telefonnummer, Festnetz, nicht mobil. Wenn ich mal wieder einen Fahrer brauche.
Über MMM redeten wir nicht.
Ende
Anfang 2003 muss irgendjemand das Versteck von Mavrodi verraten haben. Er kam in Haft. Nach mehreren Gerichtsverfahren erhielt er 2007 eine Haftstrafe, der er mit seiner Untersuchungshaft bereits abgesessen hatte. Sergei Mavrodi war wieder ein freier Mann.
Ich hatte den zerknitterten Zettel mit der Festnetznummer von Sergei aufbewahrt. Als Dokument der Zeitgeschichte. Aus Neugier rief ich die Nummer im November 2007 an, als ich wieder einmal von Wien nach Moskau flog. Zu meiner Überraschung meldete er sich. Ja klar, er hole mich ab.
Der größte Finanzbetrüger, den Russland je hervorgebracht hat, blieb auch nach 2007 in den Schlagzeilen. Er veröffentlichte einige Bücher. Und er versuchte, sein MMM-Konzept in verschiedenen Versionen wieder aufleben zu lassen. Aber die wilden Jahre in Russland waren vorbei.

Sergei Mavrodi 2012/Foto: Delovoe.TV
Bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2018 trat er im Fernsehen auf, gab Interviews und wiederholte seine alte Geschichte: MMM hätte funktionieren können, wenn man ihn in Ruhe gelassen hätte.
Nachwirkung
Sergei Mavrodi war mit seinem Schneeballsystem in Russland so erfolgreich, weil nach dem Zusammenbruch der UdSSR im Dezember 1991 ein rechtsfreier Raum entstanden war. Außerdem hatte die russische Bevölkerung völlig falsche Vorstellungen von Marktwirtschaft und Kapitalismus.
Viele wollten glauben, MMM sei ein Vorbote der neuen Zeit, in der alle ohne große Mühe reich werden können.
Bis heute gibt es Vereinigungen von ehemaligen „MMM-Aktionären“, die diese Legende am Leben halten. Tatsächlich übernahm ein solcher Verein nach Mavrodis Tod die Kosten für die Bestattung des Betrügers. Weder seine Familie noch die Behörden wollten dafür aufkommen.
Bis heute besteht auch die Webseite von Sergei Mavrodi. Enttäuschte Opfer von Mavridi haben eine eigene Plattform, über die sie ihre Geschichten austauschen. Offenbar lässt sich noch heute Geld mit Mavrodi verdienen.
Für viele in der Generation der Russen, die vor 30 Jahren das Debakel als Erwachsene erlebt haben, ist MMM bis heute ein Symbol für die falsche Versprechungen einer westlichen, marktwirtschaftlichen Ordnung.
Das ist wahrscheinlich am meisten zu bedauern.

