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Unser französischer Korrespondent Bruno Moncorgé analysiert aus europäischer Sicht die aktuellen geopolitischen Veränderungen. Seine Analyse unterscheidet sich von anderen dadurch, dass er auf Klagen über die Regelverstöße der USA verzichtet. Dafür wird ein anderer wichtiger Aspekt deutlich, der für Europa von größter Wichtigkeit ist. Die USA agieren zunehmend unvorhersehbar. Europa muss sich dringend darauf einstellen.
Dieser Beitrag stützt sich auf aktuelle Aussagen renommierter Akteure wie der amerikanischen Historikerin Heather Cox Richardson, dem ehemaligen US-Arbeitsminister Robert Reich, der in verschiedenen US-Regierungen tätig war, der Osteuropa-Expertin Anne Applebaum sowie dem früheren französischen Premierminister Dominique de Villepin.
Trotz unterschiedlicher Perspektiven kommen sie zu einer gemeinsamen Diagnose: Die USA definieren ihre außenpolitischen Prioritäten nicht nur neu. Sie verletzen auch jene Normen, die die amerikanische Macht für ihre Partner berechenbar und bündnisfähig gemacht haben.
Von der Schwächung parlamentarischer Kontrolle bis zur Personalisierung strategischer Entscheidungen zeigt sich ein Muster, das Europa direkt betrifft. Nicht primär, weil Europa zum Ziel amerikanischer Macht geworden wäre, sondern weil es über Jahrzehnte auf die Verlässlichkeit der USA gezählt hat.
Was auf dem Spiel steht, ist keine ideologische Meinungsverschiedenheit, sondern ein struktureller Wandel: Was geschieht, wenn die tragende Säule der Nachkriegsordnung sich so verhält, dass Verbündete ihre Handlungen weder vorhersehen noch in die eigene strategische Planung integrieren können?
Von regelbasierter Macht zu transaktionaler Dominanz
Wie Robert Reich betont, beruht das moralische Fundament zivilisierter politischer Ordnung – national wie international – auf der Selbstbegrenzung der Starken gegenüber den Schwächeren. Dieses Prinzip prägte nicht nur die amerikanischen Gründungsdokumente, sondern auch die von den USA selbst initiierte internationale Ordnung nach 1945.

All American/Illustration: geralt/Pixabay
Was wir heute beobachten, ist nicht bloß eine Abkehr von dieser Tradition, sondern eine Umkehrung. Amerikanische Außenpolitik wird zunehmend nicht mehr mit Recht, multilateraler Legitimität oder gemeinsamen Normen begründet, sondern mit Machtvorteilen:
Ressourcenkontrolle, Hebelwirkung gegenüber schwächeren Akteuren und der instrumentelle Einsatz von Dominanz.
Zu Venezuela wird über Öl diskutiert, zu Grönland über Sicherheit. Verbündete sind nicht mehr Partner, sondern strategische Vermögenswerte. Wichtig ist nicht die juristische Bewertung. Wichtiger ist, dass Souveränität, Bündnisverpflichtungen und internationale Normen einer transaktionalen Logik untergeordnet werden.
Für Europa bedeutet dies eine gewaltige Veränderung. Die USA justieren ihre Rolle nicht nur neu. Sie tun dies ohne einen von außen erkennbaren Plan.
Der Abbau institutioneller Reibung
Heather Cox Richardson erklärt den Weg in die Unzuverlässigkeit mit dem Abbau der inneramerikanischen Machtbegrenzung. Die parlamentarische Kontrolle wurde geschwächt, juristische Schranken entfernt, der professionelle außen- und sicherheitspolitische Apparat marginalisiert.
Entscheidungsprozesse sind zentralisiert, personalisiert und weniger institutionell getragen.
In einem solchen System verdrängen Geschwindigkeit und Loyalität die deliberative Aushandlung. Die „Reibung“, die aus Impulsen eine nachvollziehbare Politik machte, ist verschwunden.

Diskussionen/Illustration: geralt/Pixabay
Für die Verbündeten war diese institutionelle Reibung zentral. Sie machte amerikanische Positionen administrationsübergreifend verlässlich und eröffnete Raum für Konsultation, Koordination und Anpassung. Ihr Wegfall erhöht nicht nur das Risiko abrupter Entscheidungen – er zerstört die Feedback-Mechanismen, auf denen Bündnisse beruhen.
Europa steht nicht vor einem stärkeren Amerika. Es steht vor einem unverstandenen Amerika.
Von strategischer Koordination zu strategischer Undurchsichtigkeit
Der Abbau der institutionellen Kontrolle in den USA ist bereits gefährlich. Die Risiken werden jedoch durch ein weiteres Problem verstärkt: die offenbare Beliebigkeit der amerikanischen strategischen Zielsetzungen.
Anne Applebaum berichtet, dass der dänische Premierminister selbst in einem persönlichen Gespräch mit Donald Trump keine kohärente Erklärung dafür erhielt, warum Grönland für die USA strategisch so wichtig sei. Es ging nicht um geheime Informationen oder Meinungsverschiedenheiten, sondern um das Fehlen einer artikulierten Begründung.
Diese Undurchsichtigkeit ist für Bündnisse gefährlicher als ideologische Differenzen. Zusammenarbeit erfordert Verständlichkeit in der Kommunikation: Partner müssen die Absichten erkennen, Risiken abwägen und Handlungen in eigene Planungen einordnen können.

Blurred Image/Illustration: geralt/Pixabay
Wenn Maßnahmen wechselweise mit Sicherheit, Ressourcen oder Symbolik begründet werden, ist Koordination unmöglich. Dies ist weniger eine psychologische Frage als Ausdruck eines Wandels in der Machtausübung:
Entscheidungen wirken zunehmend expressiv statt instrumentell – sie signalisieren Dominanz oder persönliche Autorität, ohne klare Ergebnisse.
Für Europa lautet das Problem daher nicht mehr, ob amerikanische Ziele mit europäischen übereinstimmen. Sondern vielmehr, ob diese Ziele überhaupt noch identifizierbar sind.
Der Verbündete als Risikofaktor
Dominique de Villepin beschreibt die gegenwärtige Lage mit einem präzisen Begriff: Sidération – auf Deutsch: Fassungslosigkeit, die Reaktionen erschwert.
Ein Bündnis setzt nicht nur gemeinsame Werte, sondern auch gegenseitige Achtung voraus. Wenn ein Partner beginnt, Bündnisnormen als optional zu behandeln, wird das Bündnis selbst zur Belastung.
Aus europäischer Sicht ist ein unberechenbarer Verbündeter gefährlicher als ein Gegner mit klaren Absichten. Der sichtbare Vertrauensverlust unterminiert nicht nur die Abschreckung äußerer Feinde.
Er verringert auch die Planungssicherheit, erschwert Investitionen und bedroht die politische Kohärenz innerhalb Europas.
Die Gefahr liegt nicht nur im militärischen Rückzug der USA aus Europa. Handeln ohne Abstimmung und Rücksicht auf die Verbündeten erschwert die Lage zusätzlich.
Europas strategische Verantwortung
Europas Aufgabe besteht nicht darin, sich den USA entgegenzustellen oder sie zu ersetzen, sondern darin, seine Sicherheit nicht länger auf überholten Annahmen zu gründen.
Das bedeutet für die europäische Politik:
- Strategische Autonomie als Risikovorsorge, nicht als Ideologie
- Europäische Verteidigungsfähigkeit als Ergänzung, nicht als Provokation
- Institutionelle Resilienz gegenüber externer Unberechenbarkeit
- Politische Klarheit beim Schutz der Souveränität – auch der kleineren Partner wie Dänemark und Grönland
Dies ist kein Plädoyer für Konfrontation. Wie Applebaum betont, wünscht niemand in Europa eine feindliche Beziehung zu den USA. Gesucht wird Stabilität – und Stabilität erfordert heute Vorbereitung auf Diskontinuität.
Von Abhängigkeit zur Reife
Europa profitierte lange von einer amerikanisch geführten Ordnung, die Macht mit Verlässlichkeit verband. Das ist nicht mehr garantiert. Das Ende der transatlantischen Beziehungen folgt daraus nicht.
Aber die strategische Unmündigkeit Europas muss zu einem Ende kommen. Europa muss handlungsfähig sein, auch wenn sein wichtigster Verbündeter nicht mehr verlässlich im Sinne seiner eigenen Tradition agiert.

Das neue Puzzle/Illustration: geralt/Pixabay
Die Entwicklung ist tragisch – nicht als Verlust, sondern als unausweichliche Wendung unseres gemeinsamen Schicksals: nicht weil sie Europa von Amerika entfernt, sondern weil sie Europa zwingt, erwachsen zu werden.
Ob Europa dieser Herausforderung gerecht wird, entscheidet sich nicht in Rhetorik, sondern im Aufbau konkreter Fähigkeiten – politisch, militärisch und institutionell.
Die Zeit bequemer Gewissheiten ist vorbei. Die Zeit der Verantwortung hat begonnen.


Danke, dass in diesem Beitrag die Situation zwischen den europäischen Staaten und den USA so klar herausgearbeitet wurde.
Heidi Merkle
Vielen Dank für das Feedback. Das Thema beschäftigt mich schon länger, und ich habe versucht, die vielen Perspektiven möglichst klar zusammenzufassen.