Heimatforscher Heiner Stopper über die Zeit der Bauernkriege – Teil 2: Der fromme Herrscher über Werenwag zieht gegen seine Bauern in den Krieg

Vorbemerkung: Heiner Stopper ist der Rechercheur und Autor des Textes über die Ereignisse in der Pfandschaft Werenwag vor und während der Bauernkriege von 1524/25. Dies ist Teil 2.

Die Bauerkriege am Anfang des 16. Jahrhunderts waren der erste große Volksaufstand in Deutschland gegen die feudale Herrschaft von Adel und Kirche. Der Heinstettener Heiner Stopper hat über die lokalen Geschehnisse in der Zeit der Bauernkriege bisher Unbekanntes ans Tageslicht gebracht. Im Zentrum seiner Forschung steht die Pfandschaft Werenwag, die die Habsburger dem regionalem Kleinadel zur Nutzung überließen – als Sicherheit für ein Darlehen. In Teil 1 seines Textes schildert Heiner Stopper, wie die Bauern von Werenwag schon Ende des 15. Jahrhunderts, Jahrzehnte vor Ausbruch des Krieges vor dem Innsbrucker Hofgericht versuchten, die Ausbeutung durch den von den Habsburgern eingesetzten Junker Eberhard von Hörningen zu begrenzen. Der Teil 2 behandelt die Zeit nach 1463.

Die Laubenberger Zeit

Nach dem frühen Tod österreichischen Herzogs Albrecht VI. 1463 veranlasste sein Nachfolger Herzog Sigmund eine einschneidende Veränderung für die Pfandschaft Werenwag:Damit seine Feste Bernwag an der Donau, die in Abnehmen und Verderben kommen ist, wieder aufgericht und zu früherer Pracht werde“, entzog er am 6. April 1467 Eberhart von Hörningen das Werenwager Pfand, um es seinem Hofmarschall und Pfleger zu Rottenburg, Caspar von Laubenberg zum Stein zu verleihen.

Mit ihm, der einem alten Allgäuer Geschlecht entstammt, beginnt die Ära der von Laubenberger Lehensherrschaft zu Werenwag, die von 1467 bis 1629 dauern sollte. Anfangs hat es den Anschein, als verfolgten der neue Junker und seine Werenwager Untertanen dasselbe Ziel, nämlich auf die Dauer wirtschaftlich überlebensfähige Hofeinheiten zu erhalten, was sich mit einer auf maximalem Gewinn bedachten Pfandherrschaft des vorherigen Herren nicht vereinbaren ließ.

Im neu angelegten Urbar von 1468 waren darum auch alle im Innsbrucker Prozess bisher strittigen Punkte schriftlich geregelt, wie der Umfang von Fronen, Dienstleistungen oder Abgaben. Auch die Leheninhaber hatten jetzt Klarheit über Lage und Umfang ihrer Güter, es herrschte Rechtssicherheit, beliebigen Übergriffen der Herrschaft war ein Ende gesetzt, wenigstens für den Moment.

Grenzerträge in Grenzlagen

Das Schema ist über viele Jahrhunderte dasselbe: Vermögender Adel lieh dem finanzklammen Kaiser Geld, und weil der er es in Kürze nicht zurückzahlen konnte, verlieh er den Geldgebern zur Sicherheit einen Güterkomplex als Pfand, in unserem Fall die Lehensherrschaft Werenwag.

Es lag nun in der Fantasie der Pfandherren, maximales Einkommen aus dem verpfändeten Besitz zu erwirtschaften. Man fragt sich aber, ob es den neuen Pfandinhabern bewusst war, welches Geschäftsrisiko sie sich mit der Pfandschaft Werenwag eingehandelt hatten mit landwirtschaftlichen Gütern auf über 800 m bis 950 m Meereshöhe gelegen.

Sonnenaufgang im Donautal/Quelle: Wikipedia

Schließlich sagen Besucher des Heubergs und Harts seit jeher, da sei es „um einen Kittel kälter: 17 Wochen lag der Schnee, dass man die ganze Zeit das Erdreich nicht gesehen hat! Der Roggen ist total weggerafft und der Vesen sieht so aus, dass die Ernte wenigstens für die Aussaat reicht“, erklären die Kolbinger 1726 ihre Notlage nach drei Fehljahren.

Zahlen der Armut

Zur Bodengüte sei auf den mitfühlenden werenwagischen Verwalter Eckhmann, verwiesen, der 1718 über den mit Felsen durchsetzten Untergrund urteilt: Ein Pflug muss hier mit sechs Zugtieren bespannt und von zwei Personen geführt werden. In Oberschwaben bräuchte es dafür gerade mal zwei Pferde und nur einen Pflugführer.

Weiter führt Eckhmann zum Klima aus: Die hiesige Gegend ist kalt, rauh und ungeschlacht…. Bei einer Aussaat von 10 Viertel pro Jauchert erhält man von einer guten Jauchert 60 gute Garben, andernorts dagegen 80 bis 150 Garben. Wie schlecht die Felder in Summe wirklich waren, verrät die Klassifizierung der Kolbinger Felder für diese Zeit. Nur 4,4 % galten als gut, 19% waren mittelmäßig, 73,1 dagegen schlecht.

Ins gleiche Bild passt eine Statistik von 1608, nach der von den 39 Kolbinger Familien gerade mal 9 Familien „wohl hausen“, 5 Familien „hatten zu leben“, 25 Familien waren „arm und elend“.

Eine fromme Herrschaft

Die Werenwager Herrschaftszeit des Hans Walter von Laubenberg, um 1509 bis 1532, einem Nachkommen von Caspar, war von tiefgreifenden Unruhen und Veränderungen geprägt. Das Verhältnis seiner Untertanen zur Kirche zu bessern, war dem frommen Hans Walter eine Herzensangelegenheit.

Zu nennen sind die 1519 erfolgte Neudotierung der abgegangenen Pfarrei Renquishausen wie auch die Stiftung der Pfarrei Heinstetten am 14. Februar 1523. Bis dahin waren Taufe, Hochzeit, Beerdigung in der Heinstettener Kapelle nicht möglich, der zwölf Kilometer lange Kirchgang zur Ebinger Mutterkirche St. Martin, der sogenannte „Totenweg“, war im Winter undenkbar.

Um seinen Heinstettenern „für ewige Zeiten“ alle kirchlichen Segnungen im Ort zu gewährleisten, stiftete Hans Walter von Laubenberg die Pfarrei Heinstetten und stattete sie zu ihrem Unterhalt u.a. mit „allem Großzehnt, der zu Werenwag gehört“ aus. Im Stiftungsvertrag erwartete die Stifterfamilie im Gegenzug das Gebet seiner Heinstettener an vier feierlich zu haltenden Jahrestagsmessen, zelebriert von drei Priestern.

Es ist anzunehmen, dass Hans Walter von Laubenberg in der von ihm gestifteten Kirche seine Grabstätte geplant hatte. Es sollte anders kommen! Genau in diese Zeit fällt nämlich der von Oberschwaben kommende bäurische „Uffrur“ von 1525.

Teil von Holzschnitt des frühen 16. Jahrhunderts

In diesem Aufstand kämpfte Hans Walter von Laubenberg mit einem Trupp von zwölf Pferden auf Seite des Schwäbischen Bundes unter Führung des Truchsessen Georg III. von Waldburg, bekannter unter dem Namen “Bauernjörg“.

Auszug aus Wikipedia

Georg III., der „Bauernjörg“ wurde wegen seines grausamen und erbarmungslosen Durchgreifens gegen die aufständischen Bauern gefürchtet. Als im Jahre 1524 in Deutschland der Bauernkrieg begann, war der Großteil der kaiserlichen Truppen in den italienischen Kriegen gebunden. Nur unter großen Anstrengungen gelang es ihm, 4.000 Landsknechte zu rekrutieren und diese, entgegen ihren Überzeugungen und unter zahlreichen Desertionen, gegen die Bauern zu führen.

Solange er keine Chance auf einen militärischen Sieg sah, schloss er Verträge mit den Bauern (z. B. Vertrag von Weingarten), die ihnen zwar leichte Verbesserungen brachten, an ihrer grundlegenden Situation aber nichts änderten und die Stellung der Herrschenden festigten. Erst als nach dem Sieg in der Schlacht bei Pavia massenweise arbeitslose Kriegsveteranen nach Süddeutschland zurückkehrten, strömten genügend Landsknechte Waldburgs Werbern zu. Unter seiner Führung wurde nun ein Bauernhaufen nach dem anderen zerschlagen. Truchsess Georg führte einen gnadenlosen Feldzug, dem 100.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, überwiegend Bauern.

Das gut gerüstete Heer der hohen Herren hinterließ auch auf seinem Zug nach Norden eine Blutspur unter den aufständischen Bauern. Dabei muss Hans Walter von Laubenberg, von Mühlheim an der Donau kommend, durch die Heubergorte Kolbingen und Renquishausen gezogen sein. Was mochte Hans Walter von Laubenberg wohl gefühlt haben, gegen seine eigenen, bislang loyalen Untertanen kämpfen zu müssen? 

Wir wissen es nicht. Aber die Bauernkriege waren eines der prägendsten Ereignisse der deutschen Geschichte an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Er wird als die größte Massenerhebung in Europa vor der Französischen Revolution im Jahr 1789 eingeordnet. Am Ende scheiterte die ländlichen Bevölkerung, ihre rechtliche und wirtschaftliche Lage kurzfristig zu verbessern.

Quellen

Mehr kann man bei Elmar Blessing, Kolbingen und die Herrschaft Werenwag, Geschichte eines Dorfes auf dem Heuberg, sowie in der in der Ortschronik von Heinstetten, hier insbesondere im Beitrag von Armin Zekorn: Heinstetten unter der Herrschaft der Junker von Hörnlingen (1392 – 1467) und ein Prozess vor dem Innsbrucker Rat.

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