Die Aktivistin, der Gutbürgerliche, die Unbekannte, der Hertha BSC-Fan oder der Sportler – Sie wollen Regierender Bürgermeister von Berlin werden

Erin Eralp, Stefan Elvers, Kristin Brinkner, Werner Graf oder Steffen Krach. Einen dieser Namen werden wir uns zukünftig sicher merken. Denn diese Kandidaten treten am 20. September 2026 für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin in der Nachfolge von Kai Wegner an.

Außerhalb der Parteien ist über die Kandidaten wenig bekannt. Welchen Hintergrund, welche Erfahrung und Hobbies haben sie?

Ihr Berichterstatter ist Wahlberliner, hat recherchiert und sich in der Stadt umgehört.

Elif Eralp (Die Linken) – Aktivistin mit 10

Die Berliner Linken schicken mit Elif Eralp eine 1981 in München geborene Juristin ins Feld.  Ihre Eltern waren 1980 nach einem Militärputsch als Mitglieder einer sozialistischen Partei aus der Türkei nach Deutschland geflohen. Eralp studierte Rechtswissenschaften in Hamburg mit Schwerpunkt Kriminologie. Ihre öffentlich bekannten Examensnoten sind gut.

Inhaltlich hat sich Eralp früh festgelegt. Schon im Referendariat beschäftigte sie sich vor allem mit Flüchtlings- und Asylfragen. Als Referendarin absolvierte sie eine Station unter anderem beim UN-Flüchtlingskommissariat.

Seit 2010, da war sie 30, arbeitete sie als Referentin für Rechtspolitik bei der Bundestagsfraktion der Linken. In die Partei trat sie erst 2017 ein.

Darüber hinaus war sie in der Tarifkommission der Gewerkschaft verdi.

In das Berliner Abgeordnetenhaus wurde sie Im Jahr 2021gewählt. Ihre Themen sind dort Bürgerrechte, Migration, Antirassismus und Mietpolitik. Ihren Wahlkreis gewann sie nicht, über die Landesliste kam sie jedoch in das Parlament.

Ihre Berufserfahrung beschränkt sich auf Partei- und Gewerkschaftsarbeit. Erfahrung in einer öffentlichen Verwaltung besitzt sie nicht. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Klassische Hobbies sind nicht bekannt. Allerdings war sie schon in jungen Jahren sehr aktiv: Sie erzählt, dass sie mit zehn Jahren mit Freundinnen einen „Umwelt-Club“ gegründet habe. Später engagierte sie sich in der Anti-Atomkraftbewegung.

Neben Deutsch spricht sie Türkisch, Englisch und Spanisch.

Stefan Evers (CDU) – Der Mann mit Hobbies

Evers (46) kommt ursprünglich aus Paderborn in Nordrhein-Westfalen. Nach dem Verzicht von Kai Wegner ist der bisherige Berliner Finanzsenator sehr kurzfristig zu der Kandidatur gekommen.

Seit 1999 lebt Evers in Berlin. Nach dem Studium an der Universität Potsdam arbeitete er im Bundestag als Referent für verschiedene CDU-Abgeordnete.

Als Geschäftsführer einer Strategie- und Kommunikationsberatung und als Unternehmensberater für die maritime Wirtschaft sammelte er privatwirtschaftliche Berufserfahrung.

Nach der Wahl in das Abgeordnetenhaus 2011 war er stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender und Generalsekretär seiner Partei. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind neben den Finanzen die Stadtentwicklung und queere Politik. Für beide Bereiche war Evers Sprecher seiner Fraktion.

 Als Senator für Finanzen seit April 2023 brachte er maßgeblich die Berliner Verwaltungsreform voran, die am 1. Januar 2026 in Kraft trat. Sie gilt es großer Schritt, um die Zusammenarbeit des Senats mit den 12 Bezirken zu verbessern.

Damit kann er als erfahren in der Verwaltung von Berlin gelten.

Evers bezeichnet sich öffentlich als schwulen Mann in Berlin und ist seit zehn Jahren mit einem Mann verheiratet.

Nach seinen Angaben interessiert sich Evers für bildende Kunst, historische Romane, Klavierspielen und Motorwassersport. Er besitzt ein Boot aus DDR-Produktion. Aktiver Sport ist nicht seine Sache; Kai Wegner sei viel sportlicher als er, sagte er einmal.

Sonntags mag er Eierkuchen.

Werner Graf (Die Grünen) – Der grün Sozialisierte

Bei den Berliner Grünen tritt offiziell ein Duo für das Amt des Regierenden Bürgermeisters an. Graf ist der Spitzenkandidatin, Bettina Jarasch die Co-Spitzenkandidatin.

Graf (46) stammt aus der Oberpfalz und engagierte sich schon als Jugendlicher bei den Grünen. Er bezeichnet sich als Arbeiterkind. Seine Eltern gehörten jahrzehntelang zur CSU-Prominenz in seiner Heimatstadt Pölling.

Mit dem Fachabitur studierte er Politikmanagement in Bremen. Nach Berlin kam Graf 2001 wegen des Hanf Magazins, einer aktivistischen Zeitschrift der Cannabis-Legalisierungsbewegung. Bis 2005 war er dort als Herausgeber und Chefredakteur tätig.

In die Politik trat Graf als Referent der Grünen-Politikerin Claudia Roth ein. Später war er wissenschaftlicher Mitarbeiter eines grünen Bundestagsabgeordneten. Von 2016 bis 2021 führte er die Berliner Grünen als Landesvorsitzender; seit 2021 sitzt er im Abgeordnetenhaus und ist seit 2022 Fraktionsvorsitzender.

Graf besitzt politische Gremienerfahrung, aber praktisch keine Erfahrung mit einer Exekutivbehörde. Seine Laufbahn verlief im Wesentlichen über Partei, Parlament und politische Mitarbeiterfunktionen.

Inhaltlich steht er für die bekannte Berliner Grünen-Agenda: Klimaschutz, Verkehrswende, bezahlbares Wohnen, gesellschaftliche Liberalität und stärkere staatliche Steuerung beim Wohnungsmarkt. Er tritt jedoch auch für die Verwaltungsreform und ein „funktionierendes Berlin“ ein.

Graf schreibt auf seiner Homepage, dass er schwul ist. Er verfolgt den Weg von Hertha BSC und mag Musik verschiedener Stilrichtungen.

Als Balkongärtner pflanzt er Tomaten, Erdbeeren und Blaubeeren.

Steffen Krach (SPD) – Der Sportler

Nach dem schlechten Abschneiden bei der Wahl von 2023 holte die SPD mit Steffen Krach einen Mann zurück, der 2021 nach sieben Jahren als Berliner Staatssekretär in die niedersächsische Kommunalpolitik gewechselt war.

Er ist ein Kandidat, der nicht mit den internen Berliner Flügelkämpfen belastet ist und dennoch die Stadt kennt. Geboren wurde Krach wurde 1979 in Hannover. Er studierte zunächst Sozialwissenschaften in Göttingen. Im Jahr 2002 wechselte er nach Berlin an das Otto-Suhr-Institut der FU. 2005 schloss er das Studium als Diplom-Politologe ab.

Krach engagierte sich im Studium bei den Juso-Hochschulgruppen und im Deutschen Studentenwerk. Er blieb beruflich im Berliner SPD-Umfeld: zunächst arbeitete er in der Landesvertretung von Rheinland-Pfalz, dann in der Berliner Senatsverwaltung und der SPD-Bundestagsfraktion.

Krach machte früh Karriere im wissenschaftspolitischen Apparat der SPD: vom Juso-Hochschulpolitiker über das Büro des Wissenschaftssenators schaffte er es bis zum Staatssekretär mit 35 Jahren. Von 2014 bis 2021 war Krach Berliner Staatssekretär für Wissenschaft bzw. Wissenschaft und Forschung.

Aus familiären und politischen Gründen wechselte Krach 2021 von Berlin nach Hannover. Als direkt gewählter Regionspräsident der Region Hannover führte er die Verwaltung für eine Region mit rund 1,2 Millionen Einwohnern.

Damit ist Krach ein Kandidat mit mehr als 10 Jahren relevanter Exekutiverfahrung in großen Behördenapparaten. In Hannover setzte er vor allem im Nahverkehr und bei der Neuordnung der Kliniklandschaft sichtbare Projekte durch.

Sein Führungsstil wird als durchsetzungsstark bis eigenmächtig bezeichnet.

In seiner Freizeit spielt der Sport eine sehr große Rolle. Neben Tennis und Windsurfen ist Joggen seine regelmäßige Bewegung.

Krach ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine Frau lernte er bei einem Konzert kennen.

Er hat eine Katze.

Kristin Brinker (AfD) – Die wenig Bekannte

Brinker wurde 1972 in Bernburg an der Saalein der DDRgeboren. 1990 machte sie dort Abitur und zog nach der Wiedervereinigung nach Berlin.

Von 1991 bis 1994 absolvierte sie eine Ausbildung zur Bankkauffrau. Danach studierte sie von 1994 bis 1999 Architektur an der TU Berlin und schloss als Diplom-Ingenieurin ab.

Seit 1999 arbeitete Brinker freiberuflich im Bereich Immobilienmanagement und Projektentwicklung. 2005 promovierte sie an der TU Berlin über Altersbilder und deren Einfluss auf Wohnformen für ältere Menschen.

Ihr politisches Engagement begann 2013, als sie der Partei neu gegründeten AfD beitrat. Auslöser war die Kritik an der Währungspolitik der EU. Drei Jahre später zog sie erstmals ins Berliner Abgeordnetenhaus ein.

Dort konzentrierte sich Brinkner aufHaushalts- und Finanzpolitik und wurde finanz- und haushaltspolitische Sprecherin der Fraktion.  Seit 2021 führt sie die AfD-Fraktion. Sie setzte sich dabei gegen eine bundesweit bekannte Konkurrentin durch, die dem national-konservativen Flügel angehört.

Brinker besitzt als promovierte Architektin jahrelange Erfahrung im privaten Immobilienmanagement und der Projektentwicklung. In der Führung einer öffentlichen Verwaltung hat sie keine Erfahrung.

Ihre politische Agenda ist stark programmatisch: erhebliche Ausgabenkürzungen, Konzentration auf staatliche Kernaufgaben sowie eine fundamentale Änderung der bisherigen Berliner Klima- und Migrationspolitik.

Über Hobbies und Interessen von Brinkner ist öffentlich praktisch nichts bekannt.

Herausforderungen

Der Ruf der Berliner Verwaltung ist bei den Einwohnern der Stadt nicht besonders. Der Spruch des früheren Regierenden Bürgermeisters Wowereit „Arm, aber sexy“ zieht bei vielen Berlinern nicht mehr. Basisaufgaben wie Schule, Verkehr, Verwaltung und öffentliche Sicherheit gelten als nicht gut erledigt.

Das liegt u.a. an der großen Unabhängigkeit der 12 Stadtbezirke, deren Führung ebenfalls politisch gewählt wird. Außerdem gibt es trotz der am 1. Januar 2026 in Kraft getretenen Verwaltungsreform weiter Abstimmungsprobleme zwischen dem Senat und den Bezirksregierungen, Stichwort „Behörden Ping-Pong“.

Berlin könnte eine kompetente und starke Persönlichkeit an der Spitze gut vertragen.

Aussichten

Welcher der fünf Kandidaten hat eine realistische Chance auf das Amt des Regierenden Bürgermeisters? In jedem Fall wird er oder sie außer Berlin auch eine Koalition führen müssen.

Da keine der großen Parteien mit der AfD eine Koalition bilden will, ist die Besetzung des Bürgermeisteramtes durch Kristin Brinker, die Spitzenkandidatin der AfD, ausgeschlossen.

Wird Berlin eine gute Führung erhalten? Klar ist das nicht.

Eralp und Graf haben keinerlei Verwaltungserfahrung. Allerdings ist Eralp aufgrund ihres Lebensweges eher als Graf zuzutrauen, dass sie der Aufgabe gerecht wird.

Evers und Krach könnten aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung in der Verwaltung von Berlin vergleichsweise verlässliche Steuermänner sein. Wobei die SPD in den letzten Tagen vor der Wahl noch gewaltig zulegen müsste, um Krach eine Chance zu geben.

Am Ende ist es wohl eine Wahl zwischen einer Aktivistin und einem gutbürgerlichen Politiker.

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