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Am 7. März 2026 präsentierte Andrey Gurkov sein Buch in Nürnberg. Eine ukrainische Zuhörerin stand danach auf. Sie sagte, sie sei mit ihrer Tochter aus Odessa nach Deutschland geflüchtet. Ihr Mann sei vor vier Jahren mit 52 Jahren als Quereinsteiger in die ukrainische Armee eingetreten. Sie habe ihm am Telefon gesagt, sie wolle die Lesung von Andrey Gurkovs Buch „Für Russland ist Europa der Feind“ besuchen. Ihr Mann habe sie gefragt, warum das Buch nicht „Für Europa ist Russland der Feind“ heiße.
Dieses Buch hat das Potential, lange Zeit aktuell zu sein. Jedenfalls so lange, bis in Russland ein Wunder geschieht. Der Autor und Journalist Andrey Gurkov weist auf unangenehme Fakten hin, die in Deutschland oft verdrängt werden. Nur ein Mann wie er konnte ein solches Buch schreiben.
Denn Andrey Gurkov ist einer der besten Kenner des deutsch-russischen Verhältnisses. Er ist ein russischer Insider, ein Kind der Sowjetunion, geboren 1959 in Moskau. Er studierte Journalismus an der MGU, der sowjetischen Top-Universtät. Dann war er Redakteur in verschiedenen russischen Zeitungen. Schon sein Vater war Journalist. Die letzten 25 Jahre arbeitete er für die Deutsche Welle .
Zwei Thesen von 1993
In seinem Erstlingswerk „Russland hat Zukunft. Die Wiedergeburt einer Weltmacht“ hatte Gurkov 1993 prognostiziert, dass Russland auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR ein machtpolitischer Faktor bleiben werde. Der Westen unterschätze, dass die imperialen Denkstrukturen in der russischen Elite erhalten geblieben seien. Trotzdem sah er gute Chancen für eine friedliche Koexistenz mit den früheren Feinden im Westen.
Die Rolle von Russland in der Welt sah Gurkov richtig voraus. Die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft von Russland und Europa ging ihm jedoch in den letzten Jahren verloren. In dem neuen Buch erklärt er, wie es zu dieser nüchternen Einschätzung kommt.
Eine „Zeitenwende“?
Andrey Gurkov befürchtet , dass die Diktatur von Putin keine Episode ist. Sondern dass sie das Ende einer historischen Epoche für Russland markiert: „Einer Epoche, die vor mehr als 300 Jahren damit begann, dass Zar Peter der Große ´ein Fenster nach Europa aufstieß´, um mit den Worten des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin zu sprechen.“
Wird das Fenster nach Westen gerade „zugestoßen, verschlossen, zugemauert“? Tatsache ist, Russland wendet sich nach Asien. Russland ist wie China und Nordkorea ein autoritäres Regime. Denn an deren Gesellschaftsmodellen orientiert es sich.
Die frei nach Huntington so in Russland bezeichnete „Russische Zivilisation“ stellt nach asiatischem Muster den Staat über das Individuum. Das hat u.a. die Konsequenz, dass die Charta der Menschenrechte für die russische Bevölkerung nicht gilt. Russland ist, so beobachtet Andrey Gurkov, zu einem nationalistischen und militaristischen Land geworden, eine Gefahr für seine Nachbarn.
Große Unterstützung
Nicht nur prominente Vertreter von Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft verachten „Gayropa“, wie Europa genannt wird. Und verurteilen den vermeintlichen westlichen „Satanismus“ (ein Begriff aus dem öffentlichen russischen Diskurs) und den Erzfeind USA.
Deswegen unterstützen sie den Überfall auf die Ukraine, als Antwort auf die „Umzingelung“ durch die NATO. Die russisch-orthodoxe Kirche spricht von einem heiligen Krieg.
Anhand vieler Beispiele zeigt Gurkov, wie diese Geisteshaltung im Alltagsleben der der russischen Bevölkerung verankert ist. Er berichtet von einem Interview einer deutschen Journalisten mit einem russischen Soldaten, der an der Ostseeküste Fronturlaub macht. Der Mann sagt, dass Europa aufpassen müsse. Man werde Atombomben auf Berlin werfen, falls nötig.
Es ist absurd, solche Drohungen in einem Interview zu äußern. Aber Gurkov betont , dass viele in Russland diese Sichtweise vertreten. Nicht nur, weil sie Putin unterstützen, der Stalin öffentlich als einen „Guten“ bezeichnet.
Putin kommentierte die 27 Millionen sowjetischen Opfer im Zweiten Weltkrieg schon vor fünf Jahren, also vor dem Überfall auf die Ukraine, mit „Wir können es wiederholen.“ Die Parole ist in Russland überall präsent, schreibt Gurkov.
Lev Gudkov, der Leiter des Levada-Instituts, einem renommierten russischen Meinungsforschungsinstitut, liefert Zahlen, die Gurkovs Analyse bestätigen. Das Institut kommt in seinen Umfragen auf eine deutliche Mehrheit, die den Angriffskrieg gegen die Ukraine für richtig hält.
Die Schlüsselfrage
Die Schlüsselfrage ist für Gurkov jedoch nicht die Frage, woher Putins seine Menschenverachtung und seine Kriegsbereitschaft nimmt. Russische Regenten, ob Zaren oder Sowjets, traten oft so auf.
Andrey Gurkov fragt sich, „warum die russische Gesellschaft all das mitgemacht hat.“
Woher diese Verachtung des Westens, nachdem viele Russen von den Früchten der Freiheit gekostet und gerade begonnen hatten, wirtschaftlich zu den entwickelten Volkswirtschaften aufzuschließen? Nachdem Millionen die europäische Union, die USA und andere Weltgegenden als Touristen erleben konnten?
Wie kann es sein, dass der Mythos einer „russischen Zivilisation“, die anderen überlegen ist, so weit verbreitet ist? Wie kann die fatale Abhängigkeit von China, neben den USA die zweite Weltmacht, ausgeblendet werden?
Gurkov macht eine „verzerrte Weltsicht“ in der russischen Gesellschaft verantwortlich, das Produkt einer allgegenwärtigen staatlichen Propaganda. Eine ihrer Konstanten ist der Verweis auf die Größe Russlands.
Gurkov nennt ein im Westen kaum bekanntes Datum. Es hatte aber für die Entwicklung Russlands eine große Bedeutung. Im Jahr 1552 eroberte Iwan der Schreckliche die Stadt Kasan, etwa 300 km östlich von Moskau. Mit dem Sieg über den islamisch geprägten Nachfolgestaat der mongolischen Goldene Horde eröffnete sich der Weg zur Unterwerfung einer Landmasse, der bis zum pazifischen Ozean reicht.
Anstatt sich in Richtung Westen zu orientieren, begann damals die Kolonisierung Sibiriens und von Teilen Zentralasiens. Das russische Zarenreich wurde zur größten Landmacht der Welt.
Wäre das Schicksal Russlands bei einer Niederlage ein anderes gewesen?
Imperiale Klassiker
Gurkov kennt die klassische russische Literatur. Er findet nicht nur bei Pushkin und Dostojewski imperiale Gedanken und Schriften. Diese richteten sich schon vor 200 Jahren unter anderem gegen die Ukraine und ihre Bevölkerung.
Der imperiale Anspruch hat in Russland eine lange Tradition.
Seit Jahrhunderten begründet die Größe des Landes nicht nur für die russische Elite eine Sonderstellung, schreibt Gurkov. „Ein Sechstel des Festlands der Erde“, das war der Satz, der alle Bürger der Sowjetunion seit der Schulzeit begleitete.
„Immer wieder wurden wir daran erinnert, dass wir im größten Flächenland der Welt mit den reichsten Rohstoffvorkommen leben. Allein das schon sollte den Anspruch unserer Heimat auf eine globale Sonderrolle belegen.“
So kommt es, dass ein russischer Außenminister namens Lawrov auf einer Pressekonferenz im Jahr 2024 ein Schmähgedicht von Pushkin gegen die Ukraine unverändert vorlesen konnte.
Für Gurkov ist erschütternd, dass sich auch der Dissident und Lyriker Brodsky im US-amerikanischen Exil nicht zu schade war, nach dem Zerfall der UdSSR über die unabhängige Ukraine in einer beschämenden Weise zu lästern.
Ein persönliches Buch
Andrey Gurkov gehört zu den wenigen nachdenklichen Autoren, die das Phänomen der offenbaren Kriegsbegeisterung breiter Bevölkerungsschichten in Russland beleuchten.
Einer Begeisterung für den Krieg gegen die Ukraine, die außerhalb Russlands mit den Zwängen in einer Diktatur erklärt wird.
Diese Zwänge können aber, so merkt Gurkov an, den Ukraine-Hass von vielen im Ausland lebenden Menschen mit sowjet-russischen Wurzeln nicht erklären.
Die Reise in das Innere seiner Heimat fällt Gurkov nicht leicht. Er schreibt an einer Stelle davon, wie „fassungslos“ es ihn mache, dass so viele seiner Kolleginnen und Kollegen aus Journalistenzunft „so offen, so aktiv, inbrünstig den Krieg befürworten, die Ukraine hassen, den Westen verteufeln.“
Mit dem Buch hat Andrey Gukov auch seine eigene Biografie geschrieben.
Für deutsche Leser
Alexander Puschkin hat einen berühmten Satz geprägt: «Мороз и солнце; день чудесный!» (Frost und Sonne – ein wundervoller Tag!). Die Zeile stammt aus dem Gedicht mit dem Titel „Зимнее утро“ (Wintermorgen), geschrieben 1829.
Jeder, der an einem kalten Frosttag mit Sonnenschein in der russischen Natur draußen unterwegs war, versteht die zeitlose Schönheit dieses Satzes.
Deutsche haben nicht nur aus historischen Gründen eine besondere Beziehung zu Russland. Aber, das ist die Kernaussage von Andrey Gurkov, der russische Bär kann mit seinem imperialen Anspruch für Deutschland gefährlich werden.
Was bedeutet das?
Deutschland muss die Gefahr eines Krieges realistisch einschätzen. Wird die Bundeswehr eingreifen, wenn das Baltikum oder Polen von der russischen Armee angegriffen wird, NATO-Verpflichtung hin oder her? Keine deutsche Regierung wird diese Frage beantworten wollen. Aber welche Konsequenzen hätte eine deutsche Beteiligung an einer NATO-Kampagne?
Die Bundeswehr schafft es Anfang 2026 nicht einmal, eine einzelne Drohne über einem ihrer Stützpunkte abzuschießen.
Und dann gibt es noch ein anderes Sprichwort, dass zwar nicht russischen Ursprungs ist, aber aktuell: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“
Denn Wunder geschehen. Wer hätte die friedliche Wiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland mit der DDR mit Zustimmung eines Sowjetführers für möglich gehalten.
Ja, es gibt Wunder. Andrey Gurkov macht auf 250 Seiten klar, dass in Russland ein großes Wunder geschehen muss, damit alles ohne Krieg ausgeht.

