Sieben Tage ukrainische Zeitungen lesen – Was fällt auf?

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In der Ukraine ist die Presse besser geschützt als in Beuron.

Wer liest gerne schlechte Nachrichten? Kaum jemand. Wer sich wie ihr Berichterstatter für dieses Projekt überwinden musste, regelmäßig ukrainische Tageszeitungen zu lesen, weil er nur Hiobsbotschaften erwartete (die es natürlich gibt), wird nach einigen Tagen überrascht.

Es ist mitnichten so, dass die ukrainische Presselandschaft ein unwirtliches Gebirge von Klagen, Katastrophen und negativen Kriegsberichten ist. 

Der ukrainische Journalistmus lebt

Natürlich stellen Meldungen über den Stand der russischen Angriffe auf die Ukraine einen großen Teil der Berichterstattung dar. Aber das Bild, das der regelmäßige Leser ukrainischer Zeitungen erhält, ist vielschichtig. 

Da berichten Journalisten über die landesweiten Probleme mit der Energieversorgung nach den russischen Luftangriffen. Offenbar gelingt es jedoch trotz schwerster Schäden immer wieder, in für westliche Verhältnisse kurzer Zeit das Netz halbwegs wieder in Gang zu setzen.

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der ukrainischen Energiewirtschaft werden zukünftig gefragte Ansprechpartner sein, wenn es um die Resilienz von Infrastruktur geht. Berlin sollte gleich erste Anfragen schicken.

Aber es gibt auch Berichte über Korruptionsfälle, die von den Behörden und der Presse aufgedeckt werden.

Andrij Jermak, der ehemalige Chef des ukrainischen Präsidialamts und lange Zeit engster Vertrauter von Präsident Wolodymyr Selenskyj, musste am 28. November 2025 infolge von Korruptionsermittlungen und einer Razzia in seiner Wohnung zurücktreten.

Das zeigt der Bevölkerung, dass auch die Mächtigen einer öffentlichen Kontrolle unterworfen sind.

Die ukrainische Zivilgesellschaft lebt

Der gut recherchierte Bericht in der westukrainischen Zachid über einen polnischen Freiwilligen, der mit Freunden seit 40 Jahren ukrainische und polnische Friedhöfe pflegt, ist hierfür ein Beispiel.

Mitten im Krieg erhält dieser Mann eine öffentliche Ehrung, anläßlich der Eröffnung eines Museums in der Nähe von Lemberg.

Ein anderes Beispiel ist die Ankündigung von Filmvorführungen, die den Zuschauern Mut machen. So letzte Woche in Charkiv.

Die Tänze von Jung und Alt gegen die Kälte nach den Luftangriffen in Städten wie Kyiw gehen zurecht auf Youtube viral.

Das zivile Engagement in der Ukraine zeigt, wozu Menschen in Krisenzeiten in der Lage sind, um sich zu erholen und zu stärken.

Keine Bereitschaft zur Kapitulation

Sollte der russische Geheimdienst die ukrainischen Zeitungen auswerten, was er sicher tut, wird er keinerlei Anzeichen einer Bereitschaft zu Kapitulation der Ukraine finden.

Auch in der schwierigen Winterzeit, in der Hundertausende Menschen in Zelten frieren müssen und in der Kinder in kalten U-Bahn-Schächten unterrichtet werden, scheint der Durchhaltewille der Zivilbevölkerung ungebrochen zu sein.

Dieser Befund bestätigt, was Militäranalysten seit langem sagen: Terrorangriffe gegen Zivilisten haben keinen militärischen Wert. Das war im Zeiten Weltkrieg nicht anders. Aber die mit diesen Angriffen verbundenen Kriegsverbrechen erschweren eine zukünftige Versöhnung. 

An die seit Monaten laufenden Friedensverhandlungen scheint die Mehrheit der Ukrainer keine Hoffnungen zu knüpfen. Zu offensicht ist, dass Putin keinen Frieden haben will, solange er nicht seine Maxilmalforderungen erfüllt sieht: In erster Linie die Aufgabe der nationalen Souveränität des angegriffenen Landes.

Die militärische Lage scheint stabil

Man darf nicht erwarten, dass der ukrainische Generalstab einen eventuellen Zusammenbruch der Frontlinie gegen die Russen vorab in die Presse bringt. Allerdings gibt es auch absolut keine Meldungen über konkrete militärische Probleme. 

Auf der anderen Seite war die erfolgreiche Beschränkung der Starlink-Terminals auf ukrainische Nutzer ein überall kommentierter Sachverhalt. Zuletzt hatten russische Drohnenpiloten mit Hilfe illegaler Starlink-Hardware zunehmend Angriffe auf ukrainische Zivilisten durchgeführt. 

Detailliert berichten Journalisten über die zunehmenden Budgetprobleme in Russland. Dabei spielen die Sanktionen von EU und den USA gegen den russischen Handel mit Öl und Gas eine große Rolle.

Die überregionale deutsche Presse berichtet gut

Die überregionalen deutschen Tageszeitungen halten ihre Leser über die Situation in der Ukraine gut auf dem Laufenden. Unter anderen sind das die FAZ, die SZ, der Berliner Tagesspiegel und nicht zuletzt die BILD.

Die Schwäbische Zeitung und der Südkurier bringen nur wenig. Von BeuronBerlin wegen des Recherche-Projektes über die ukrainische Presse kontaktiert, gab es nicht einmal eine Antwort.

Das hängt vermutlich damit zusammen, dass die lokalen Redaktionen kein Mandat für eine Berichterstattung außerhalb der regionalen Ebene haben, und der geteilte überregionale Mantel nicht mehr die Kapazität für tiefergehende Recherchen besitzt.

Im Vergleich dazu sieht es in der Ukraine noch besser aus.

Übrigens: Die russische Presselandschaft ist eine Wüste. Alle Zeitungen und TV-Kanäle sind gleichgeschaltet. Langweilige Lektüre.

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Damit endet das Projekt der täglichen Übersetzung ukrainischer Zeitungsartikel. Für ihren Berichterstatter war es eine interessante Erfahrung, 

 

 

 

 

 

 

 

 

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