Andrei Yakovlev ist einer der bekanntesten russischen Ökonomen. Er gehört zum Gründungsteam der im Jahr 1992 in Moskau gegründeten Higher School of Economics, die zu einer der führenden Forschungsuniversitäten der Russischen Föderation avancierte. Er arbeitete lange als Wirtschaftsberater für die russische Regierung und die Verwaltung des Präsidenten. Im Herbst 2022 nahm er eine Forschungsstelle an der Universität Harvard an. Derzeit ist er Visiting Research Fellow an der Freien Universität Berlin.
Dieser Beitrag ist der zweite Teil eines Textes, der in russischer Sprache im Online- Magazin THE INSIDER erschien. BeuronBerlin hat den Text leicht gekürzt und ins Deutsche übersetzt
Wirkungslose Sanktionen
Die russische Wirtschaft erlebte nach dem Überfall auf die Ukraine trotz umfassender westlicher Sanktionen keinen Zusammenbruch. Die Wirksamkeit westlicher Sanktionen kann man so verstehen: Russland steht in einem Raum mit zwei Türen – eine führt zum Westen und die andere zum Osten. Die Sanktionen bedeuteten, dass die Tür nach Westen verschlossen wurde. Aber die zweite Tür öffnete sich noch weiter.
Durch diese zweite Tür erhielt Russland ab 2022 nicht nur Konsumgüter. Noch wichtiger, auch elektronische Ausrüstung und „Dual-Use“-Produkte blieben ohne Begrenzung erhältlich. Es ist zu bezweifeln, dass die USA und die EU diese Lieferungen aus Ländern des „Globalen Südens“, wozu im weiteren Sinne auch China zählt, effektiv hätten blockieren können.
Notwendig wäre die Androhung „sekundärer“ Sanktionen gegen Unternehmen gewesen, die weiter Waren liefern. Die EU hatte jedoch nicht die Erfahrung, um eine solche Drohung zur Überwachung der Sanktionen glaubhaft darzustellen.
Die USA besitzen ausreichend Erfahrung mit diesem Mechanismus. Aber erst Ende 2024 gab es die ersten Anzeichen, auf China und die zentralasiatischen Länder mit der Androhung sekundärer Sanktionen Druck auszuüben. (Der im Juli 2026 verstorbene US-Senator Lindsay Graham war der Hauptfürsprecher sekundärer Sanktionen,)
Niedergang der alten Ordnung
Faktisch konnte Russlands Krieg gegen die Ukraine mit Sanktionen nicht gestoppt werden. Die tiefe Krise der bestehenden Weltordnung war und ist nicht mehr zu verbergen.
Angesichts eines mehrjährigen Krieges im Zentrum Europas mit Hunderttausenden von Opfern und Millionen von Flüchtlingen ist das keine Überraschung.
Der scharfe Kurswechsel der US-Außenpolitik unter Präsident Trump versetzte der globalen Weltordnung den Todesstoß. Ich will aber hier betonen, dass die „Zersetzung“ der alten Weltordnung in den letzten Jahrzehnten nicht nur in den Beziehungen zwischen den Ländern, sondern auch innerhalb der entwickelten Länder selbst stattgefunden hat.
Buchcover: Foto BeuronBerlin
Ich glaube, das alles wird wie nach dem Ersten Weltkriegs enden. Nach einer Welle patriotischer Begeisterung fast überall in Europa endete der Krieg vor einhundert Jahren in einer tiefen Depression. Die sozialen Spannungen nahmen zu, die Gesellschaft polarisierte sich, die alten Eliten waren diskreditiert, der Werteverfall war groß und radikale Ideologien verbreiteten sich.
Opportunistische Akteure
Ein Problem ist heute, dass selbst Vertreter der Eliten in den reichen Industrieländern mit den Regularien, die nach der Finanzkrise von 2008–2009 auf nationaler und globaler Ebene eingeführt wurden, mit der Weltordnung nicht mehr zufrieden sind.
Trump ist ein glänzender Vertreter dieser opportunistischen Eliten, die von der Globalisierung außerordentlich profitiert haben, aber ab Mitte der 2010er Jahre begannen, das dazugehörige Regelsystem abzulehnen. In den USA zielten sie damit auf die Wählerstimmen derjenigen ab, die durch die Globalisierung eher verloren hatten. Und die direkt oder indirekt, in Form von Inflation oder Arbeitsplatzverlusten, die Kosten der Globalisierung zu tragen hatten.

Illustration: Sunrise/Pixabay
Unter Trump kehrten die USA zu einem national ausgerichteten, „wilden Kapitalismus“ des späten 19. Jahrhunderts zurück. Dieser ist eine Quelle der Innovation und der technologischen Entwicklung. Aber er führt auch zu einem starken Anstieg der Ungleichheit und der sozialen Spannungen. Man erinnere sich: Solche Verhältnisse führten zur Popularität des Marxismus mit allen seinen Folgen.
Ein wichtiges Merkmal des Trump´schen Kapitalismusmodells ist weitverbreitete politische Korruption, in der Literatur als „state capture“ bezeichnet. Damit ist die Unterordnung des Staates unter die Interessen des privaten Großkapitals gemeint.
Was bedeutet die Kehrtwende der US-Politik für Russland? Trump sieht internationale Beziehungen ungefähr in denselben Kategorien wie Wladimir Putin. Umgekehrt war die Zerstörung der regelbasierten Weltordnung seiner Rede in München 2007 erklärtes Ziel von Putin.
Zwei Verlierer
Auf dem letzten Davoser Forum waren sich die meisten Teilnehmer in dieser Analyse einig. Das heißt, formal können wir von einem Sieg des Kreml und von Putin sprechen. Die USA haben sich rasch und demonstrativ von der Rolle des „Weltpolizisten“ verabschiedet. Sie haben sich zu einem Räuber gewandelt, der sich mit Gewalt nimmt, was er will.
Heute haben wir auf der Weltbühne – wie im 19. Jahrhundert – die Situation eines „Spiels ohne Regeln“. In Trumps Terminologie entscheiden jetzt die „Trumpfkarten“, die eine Großmacht besitzen muss.
In dieser „mutigen neuen Welt“ bleibt das einzige überzeugende Argument des Kreml gegen eine US-Dominanz das von der Sowjetunion geerbte Nukleararsenal.

Foto: Moscow Times
Die Atomwaffen stellen sicher, dass die Bewohner des Kreml nicht das Schicksal der venezolanischen und iranischen Präsidenten erleiden. Das Vorbild ist Nordkorea, wo die nukleare Abschreckung die Familie Kim beschützt. Nordkorea hat jedoch nicht die geopolitischen Ambitionen des heutigen Russland. Ambitionen, die die russische Wirtschaft genauso schwächen, wie es in der Sowjetunion der Fall war.
Daher ist Russland neben den USA der zweite Verlierer. Wenn sich der aktuelle Kurs des Kreml fortsetzt, läuft Russland Gefahr, in die Lage der alten Frau aus dem Märchen vom Fischer und dem Goldfisch zu kommen – die die Herrin des Meeres sein wollte, der aber am Ende nichts übrig blieb.
Ein Gewinner
Wie kann eine neue Weltordnung entstehen? Höchstwahrscheinlich werden sich regionale Blöcke bilden, die in der Lage sind, die Produktion der notwendigen Güter und Dienstleistungen unabhängig von Dritten zu gewährleisten, und die über ausreichende militärische und politische Macht verfügen, um unabhängig entscheiden zu können.
Offensichtliche Anwärter auf die Führung solcher Blöcke sind die USA und China. Dabei werden sich die USA, wenn Trumps Politik Bestand hat, in ihren Einstellungen und Bestrebungen kaum von China unterscheiden.
Tatsächlich werden die USA China unterlegen sein. Denn Trump und seine Anhänger gehen international von einem Nullsummenspiel aus, während das chinesische Modell einen Austausch mit anderen Ländern fördert. Allerdings mit einem spezifisch chinesischen Verständnis für die gegenseitig vorteilhafte Natur solcher Interaktionen.
Letztes Jahr habe ich auf einer Konferenz in Shanghai miterlebt, wie chinesische und europäische Experten über Handel diskutierten. Nach westlichem Verständnis ist die Zusammenarbeit für beide Seiten vorteilhaft, wenn die Gewinne im Verhältnis von 50 zu 50 oder mindestens 60 zu 40 aufgeteilt werden.
Aus chinesischer Sicht ist auch eine Verteilung der Gewinne im Verhältnis von 90 zu 10 oder 95 zu 5 sinnvoll – schließlich hat die andere Partei einem solchen Deal zugestimmt und erhält immerhin ihre 5 % oder 10 %.
Das Recht des Stärkeren
In der Sprache der Neuen Institutionenökonomie bedeutet die Rückkehr des „Rechts des Stärkeren“ die Rückkehr zu nationalen Ur-Staaten (“natural states”). Diese Ur-Staaten sind entstanden, um den nationalen Eliten den Zugang zu gesicherten Einkommen („rents“) zu verschaffen.
Das „Recht des Stärkeren“ gilt in diesen Gesellschaften als normaler, natürlicher Zustand – sowohl in der Innen- als auch in der Außenpolitik. Den größten Teil ihrer Geschichte hat die Menschheit in diesem Regime gelebt.
Heute sind Vernetzungen und Abhängigkeiten jedoch größer als früher. Die Welt ist komplexer geworden, effizienter und wohlhabender. Sie ist auch fragiler geworden und leichter zu zerstören. Die Fragilität ermuntert jene Spieler, die das Gefühl haben, im „Spiel nach Regeln“ zu verlieren, zum Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Interessen.
Weder die USA noch China werden vor einem solchen Opportunismus gefeit sein. Das wird bedeuten, dass es immer mehr Konflikte und Krisen in der Welt geben wird, wenn Akteure glauben, ihre Interessen mit Gewalt erreichen zu können.

Foto: BeuronBerlin
Gleichzeitig können die Probleme, mit denen die Menschheit heute konfrontiert ist, wie die Umweltverschmutzung, der Klimawandel, Terrorismus und globale Epidemien, nur mit internationaler Zusammenarbeit gelöst werden.
Wenn wir wieder das haben, was wir gerade verloren. Zusammenarbeit kann es nur geben, wenn es vernünftige Regeln gibt und Sanktionsmechanismen bei Verstößen gegen diese Regeln. Wenn Kooperation wieder als Win-Win-Szenario verstanden wird statt als Nullsummenspiel.
Mein Fazit
Die Frage stellt sich, ob zukünftig ein einzelnes Land nochmal in der Lage sein wird, ein Kooperationsmodell als Alternative zum „Krieg aller gegen alle“ durchzusetzen.
Meiner Meinung nach könnte ein solches Modell von der EU vorgeschlagen werden. Dieser Staatenbund entstand ursprünglich aus der Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland, die zuvor hunderte von Jahren miteinander im Krieg standen. Die gigantischen Verluste der beiden Länder in den beiden Weltkriegen führten zu der Erkenntnis, dass es günstiger ist zu verhandeln als zu kämpfen.
Es besteht jedoch ein hohes Risiko, dass jede Generation von Politikern nur aus eigener Erfahrung zu diesem Schluss kommt.
Und das bedeutet, dass wir mit hoher Wahrscheinlichkeit – wie in den 1920er und 1930er Jahren – eine Reihe von Krisen und Konflikten durchlaufen werden. Solange bis es einen Wechsel der Eliten und ein neues Politikparadigma gibt, damit eine positiven Alternative auf Basis eines neuen Kooperationsmodells möglich wird.
Oder wir schlafwandeln in einen neuen Weltkrieg, um danach auf den Trümmern der Zivilisation aufzuwachen.

