Kennen Sie einen Sudanesen? Ihr Berichterstatter kennt keinen. In Deutschland leben nur etwa 12.000 Menschen aus dem Sudan. Über das Land wird wenig berichtet, was u.a. an den besonders schwierigen Arbeitsbedingungen für Journalisten dort liegt. Der Report des Economist im August dieses Jahres war eine Ausnahme.
Dabei wird im Sudan ein zunehmend archaisch anmutender Krieg geführt, geprägt von Milizen, Massakern, Plünderungen und ethnischer Gewalt.
Geschichtlicher Hintergrund
Im April 2023 begann ein Bürgerkrieg, der schnell das gesamte Land erfasste. Ein Drittel der Bevölkerung, mehr als 14 Mio. der 42 Mio. Einwohner sind heute auf der Flucht. Auch vor dem Hintergrund der vielen politischen Unruhen in den letzten 200 Jahren ist das eine neue Größenordnung.
Nicht genau bekannt ist die Zahl der Todesopfer. Es dürften weit mehr als die offiziell erfassten 100.000 sein. Die meisten Opfer sind Zivilisten.
Die wechselvolle Geschichte des Sudan begann vor mehr als 2.000 Jahren. Als kulturelle Blütezeit gilt die Zeit des Kusch-Reiches 300 v. Chr.–200 n. Chr.
Später entstanden auf dem Gebiet des heutigen Sudan mehrere christliche Königreiche, die bis ins Mittelalter bestanden. Im 16. Jahrhundert etablierte sich ein Sultanat mit Sitz in Sannar, etwa 300 km südlich von Khartum. Der einträgliche Sklavenhandel hatte in Sannar ein Zentrum.
Muhammad Ali/Gemälde: Auguste Couder
Im Jahr 1821 eroberte Muhammad Ali Pascha, der Herrscher Ägyptens, Sannar und löste das Sultanat auf. Die ägyptischen Eroberer beherrschten den Sudan von 1821 bis 1885 mehr als sechs Jahrzehnte lang wie eine Kolonie.
Ende des 19. Jahrhunderts übernahmen die Briten die Macht im Sudan und in Ägypten. Erst im Jahr 1956 erhielt der Sudan seine Unabhängigkeit zurück.
Die Fremdherrschaft von 1821 bis 1956 hat Spuren hinterlassen, die bis in die heutige Zeit für Instabilität sorgen. Der Antagonismus zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Khartum und Darfur, und den verschiedenen Ethnien verhinderte die Entwicklung einer einheitlichen sudanesischen Identität.
Diktaturen
Die Euphorie über die Unabhängigkeit hielt nicht lange an. Denn nach 1956 kam es zu einem ständigen Wechsel von zivilen Regierungen und Militärdiktaturen. Der islamistisch geprägte Diktator Omar Al-Bashir herrschte fast 30 Jahre. Er ist dafür verantwortlich, dass der Südsudan im Rahmen eines von ihm selbst angefachten Bürgerkrieges 2011 seine Unabhängigkeit erlangte.
Die von Bashir lange geförderten Militärführer Burhan und Hemedti setzen ihn 2019 durch einen Putsch ab. Die zivile Regierung, die auf den Sturz von Bashir folgte, wurde bald von den beiden durch eine weitere Militärherrschaft ersetzt.
Weil die beiden Militärs sich nicht einigen konnten, wer an der Staatsspitze steht, begann im April 2023 der Bürgerkrieg, der bis heute andauert.
Was zunächst ein Kampf zweier Männer mit großem Ego war, weitete sich zu einem Flächenbrand aus.
Was sind das für Männer?
Abdel Fattah al-Burhan
Abdel Fattah al-Burhan war bis 2019, als er zusammen mit seinem heutigen Gegner Hemedti den langjährigen Diktator Bashir stürzte, international nahezu unbekannt. Danach wurde er als Vorsitzender eines militärischen Übergangsrates zum faktischen Staatsoberhaupt.

al-Burhan/Foto: Foto: Ashraf Shazly/AFP
Burhan stammt aus einem Dorf in der Nähe von Khartum. Er ist heute 66 Jahre alt. Schon früh wurde er Berufssoldat in den SAF (Sudanese Armed Forces). Er ist ein Veteran früherer Bürgerkriege und stieg unter Bashir schnell in der Hierarchie auf, ohne im Land besonders bekannt zu werden.
Zum Zeitpunkt des Sturzes von Bashir hatte er die Position des Generalinspekteurs der sudanesischen Armee.
Mohamed Hamdam Dagalo/Hemedti
Mohamed Hamdan Dagalo, Hemedti genannt, ist etwa 15 Jahre jünger als Burhan. Er stammt aus der Grenzregion von Darfour zum Tschad. Es wird berichtet, dass er im Kamelhandel tätig war. Seine militärische Ausbildung war nur kurz.
Nach einem Überfall auf eine seiner Karawanen gründete er eine eigene Miliz.
Aus diesen Anfängen entstanden die von Bashir unterstützten RSF (Rapid Support Forces).
Hemedti/Foto: Russische Regierung
Bashir ermöglichte Hemedti auch den Einstieg in das lukrative Goldgeschäft. Im Laufe der Jahre stieg die Familie von Hemedti zu einem mächtigen Clan mit eigenen Goldminen auf.
Über den Handel mit Gold kam er mit den VAR (Vereinigte Arabische Emirate) in Kontakt, die heute zu seinen Unterstützern zählen.
Illustration: Omar Dafalla/Sudan Tribune
Während Burhan ein Produkt des sudanesischen Staates und seiner Armee, den SAF, ist, hat sich Hemedti als Vertreter des von Bashir geschaffenen Milizsystems durchgesetzt – mit einer eigenen Armee, den RSF, und einem eigenen Wirtschaftsimperium.
Das erklärt ihre unterschiedlichen Machtbasen: Burhan kommt aus dem traditionellen Niltal und der militärischen Elite des Zentrums; Hemedti aus der westlichen Peripherie Darfurs und einer Milizstruktur, die außerhalb der regulären Armee aufgebaut wurde.
Entgrenzter Krieg
Schon vor dem Ausbruch des Streits zwischen Burhan und Hemedti gab es im Sudan verschiedene politische und militärische Gruppierungen. Der andauernde Kampf hat viele von ihnen in die gewaltsamen Auseinandersetzung hineingezogen.
Der Bürgerkrieg hat die verschiedenen Ethnien mobilisiert und alte Konflikte wieder aufleben lassen.
Nach Schätzungen von Experten beteiligen sich mittlerweile mehr als 150 Milizen an die Kampfhandlungen. Teils sind sie mit einem der beiden Warlords verbunden, teils verfolgen sie ihre eigenen Ziele.
Die Militarisierung der sudanesischen Gesellschaft hat ein Ausmaß erreicht, das das gesamte Land zu einer Kampfzone gemacht hat. Dazu trägt seit einiger Zeit auch der Einsatz von Drohnen bei.
Im Ergebnis funktionieren große Teile des Staatswesens nicht mehr. Die öffentliche Ordnung ist in weiten Teilen des Sudan, der flächenmäßig fünf Mal größer als Deutschland ist, zusammengebrochen.
Aus der Strategielehre von Clausewitz stammt der Satz, nach dem der Krieg die Fortsetzung der Politik mit eigenen Mitteln sei. Was 2023 im Sudan als „politischer“ Machtkampf zwischen zwei militärischen Zentren begann, hat sich geändert.
Nicht mehr die Politik steuert den Krieg, sondern der Krieg treibt die Politik. Es ist ein entgrenzter Krieg entstanden, in dem praktisch jeder gegen jeden kämpft.
Kriegsverbrechen
Im Sudan sind Kriegsverbrechen, d.h. Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht an der Tagesordnung.
Als Kriegsverbrechen gelten u.a. vorsätzliche Angriffe auf Zivilisten, Folter und unmenschliche Behandlung, Vergewaltigung und andere Formen sexualisierter Gewalt, Geiselnahme, Plünderung sowie Angriffe auf Krankenhäuser und medizinische Helfer.
Die RSF von Hemedti gelten als besonders brutal. Ihnen wird sogar Völkermord an einzelnen Bevölkerungsgruppen vorgeworfen. Die gegnerischen SAF sind nicht viel besser. Sie setzen nach Berichten internationaler Organisationen auch Flugzeuge und Artillerie gegen zivile Ziele ein.
Beide Seiten rekrutieren Kindersoldaten und setzen sie im Kampf ein.
Ausländische Akteure
Der Krieg ist eine innersudanesische Angelegenheit. Allerdings versucht eine Reihe ausländischer Akteure auf die eine oder andere Kriegspartei Einfluss zu nehmen, vor allem über Waffenlieferunge
Die geopolitische Bedeutung des Sudan ist nicht gering und durch den Angriff der USA auf den Iran noch gestiegen.
Quelle: Excellence Global Logistics
Ein Blick auf die Karte zeigt, warum das so ist. Die Straße von Hormus zwischen Iran und Oman, über die etwa 20 Prozent des weltweiten Erdöl- und Erdgasverbrauchs verschifft werden, ist unsicher geworden.
Daher hat die Suche nach Alternativen begonnen, um mehr Rohstoffe über Pipelines und das Rote Meer zu transportieren. Mit Port Sudan verfügt der Sudan über einen strategisch wichtigen Hafen am Roten Meer.
Die SAF von Burhan erhält Waffen aus Saudi-Arabien, Ägypten, Quatar und der Türkei. Die RSF soll vor allem von den VAE unterstützt werden, weil sie die Nähe der SAF zum Iran und militanten Islamisten fürchten.
Die USA, der frühere „Weltpolizist“, zeigt unter Präsident Trump kein großes Interesse an einer aktiven Rolle. Der Sudan-Beauftragte der USA ist ein Schwiegersohn von Trump, der wenig Erfahrungen und kaum Einfluss in der Region besitzt.
Die EU hat versucht, die Diplomatie wieder in Gang zu bringen. Eine Konferenz in Berlin im April 2026 sollte humanitäre Hilfe mobilisieren, die internationalen Vermittlungsbemühungen koordinieren und Voraussetzungen für Waffenstillstand und eine spätere zivile politische Ordnung schaffen.
Die Teilnehmerländer sagten 1,5 Mrd. Euro an Hilfe zu. Aber die SAF und die RSF waren in Berlin nicht vertreten.
Aussichten
Nach Einschätzung eines Sudan-Experten wie Gerrit Kurtz von der Berliner Stiftung für Wirtschaft und Politik (SWP) würde eine Einigung zwischen Burhan und Hemedti heute nicht mehr ausreichen, um Frieden im Land zu schaffen. Zu viele Akteure sind mittlerweile in den Konflikt verwickelt.
Bedeutsam wäre es, wenn ausländische Parteien, allen voran die VAE und Saudi-Arabien, ihre Waffenlieferungen einstellen würden. Danach sieht es derzeit nicht aus. Obwohl beide Länder vom Iran militärisch angegriffen werden, der mit den SAF in Verbindung gebracht wird, gehen sie in der Sudan-Frage weiter getrennte Wege.
Das zentrale Problem des Sudan besteht jedoch in dem Verlust des Gewaltmonopols durch den Staat. Damit ist ein fataler Vertrauensverlust verbunden: Weil sich keine Gruppe, auch nicht auf der Ebene eines Dorfes, auf staatlichen Schutz verlassen kann, beschaffen sich alle Waffen, um sich notfalls gegen Nachbarn oder Milizen zu verteidigen.
Diesen Prozess der Militarisierung umzudrehen wird Jahre dauern und glaubwürdige „Good Actors“ erfordern. Zu diesen zählen etwa das zivile Netzwerk der Emergency Response Rooms (ERR), die heute auf lokaler Ebene Aufgaben erfüllen, die der Staat nicht zu leisten imstande ist. Das sind u.a. die Gesundheitsversorgung, die Verteilung von Hilfsmitteln, etc.
Interessant ist, dass Burhan in dieser Woche ein Treffen vorgeschlagen hat, für das er allen Teilnehmern, also auch seinen Gegnern, freies Geleit zusicherte. Die Reaktionen waren gemischt. Die Vertreterin einer zivilen Gruppierung schlug vor, erst einmal solle man sich auf Regeln für den Umgang miteinander einigen.
Das wäre ein Anfang.

