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Der in Neidingen lebende frühere Radartechniker der Bundeswehr Uwe Lohrey hat sich mit Kommunikationsdiensten beschäftigt, die ohne Strom, Internet und Mobilfunk nutzbar sind (so genannte Off-Grid-Kommunikation). Dabei stieß er auf das erst vor wenigen Jahren entwickelte MeshCore-Konzept.
Uwe Lohrey ist Mitglied des Local Emergency Teams in Neidingen (LET).
MeshCore ist ein einfaches, günstiges und robustes Funknetz, das Menschen verbindet, wenn andere Systeme versagen. Es stärkt Sicherheit, Gemeinschaft und Unabhängigkeit – und ist gleichzeitig ein spannendes Technikprojekt.
Textnachrichten können ohne Internet, ohne Mobilfunk und ohne Strom aus der Steckdose übertragen werden. Erforderlich sind nur kleine Funkgeräte, die über Bluetooth mit dem Smartphone verbunden werden. Die Geräte kommunizieren direkt miteinander; weiter entfernte Nutzer werden über Repeater erreicht.
Zur Einordnung für Techniker: MeshCore nutzt die Standards (LoRaWAN) der internationalen LoRa Alliance bzw. arbeitet kompatibel dazu. Die LoRa Alliance selbst ist ein Industriekonsortium.
BOS: Feuerwehr, DRK Bergwacht, etc
Für normale Nutzer ist entscheidend, dass der Meshcore-Messenger auch im Notfall für den Nachrichtenaustausch funktioniert, sicher verschlüsselt ist und nicht viel kostet.
Das LET Neidingen stellte am 24. April 2026 Meshcore erstmals im Oberen Donautal öffentlich vor. Mit MeshCore kann Neidingen vor allem auch die Feuerwehr im nächsten Ort erreichen.
Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS), also Feuerwehr, THW, DRK, Johanniter, etc., und Bürger haben bei der Ahrtal-Katastrophe erlebt, was passiert, wenn alle üblichen Kommunikationsdienste ausfallen. Im Ahrtal gab es über eine längere Zeit keinen Strom, kein Internet und keinen Mobilfunk.
Selbst das behörden-interne System TETRA stand teilweise nicht mehr zur Verfügung. Das hat mit zu der hohen Opferzahl beigetragen. So steht es im offiziellen Untersuchungsbericht.

Ahrtal 2021/Foto: MWV
Bis heute ist ungeklärt, wie Bürger und Bürgerinnen die professionellen Helfer bei einem Stromausfall erreichen sollen. Ein Vertreter der DRK Bergwacht Sigmaringen berichtete bei dem Treffen des LET Neidingen, dass auch bei der Bergwacht gerade erst eine Veranstaltung zum diesem Thema stattgefunden habe.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) teilte im Februar 2026 auf Anfrage von BeuronBerlin mit, dass es derzeit keinen Leitfaden für ein Notfallsystem auf kommunaler Ebene gebe.
Das kann sich mit Meshore vor allem in ländlichen Gebieten ändern. Mit MeshCore lässt sich erstmals von Bürgern ein Kommunikationsdienst einrichten, der diese Lücke schließen kann.
Einfache Nutzung
MeshCore ermöglicht den sofortigen Austausch von Textnachrichten im Dialog und in Gruppen. Die Installation ist einfach. Der Meshcore-Teilnehmer muss nur ein Smartphone haben, auf dem die kostenlose Meshcore-App installiert ist.

MeshCore im App-Store/Foto: BeuronBerlin
Zusätzlich braucht der Nutzer von MeshCore ein kleines Funkgerät, das man auf z.B. bei Amazon für 20 bis 40 Euro kaufen kann. Das Gerät verbindet sich per Bluetooth mit der Meshcore-App auf dem Handy.
Die Eingabe von Nachrichten und die Spracheingabe gehen weiter über das Handy. Das Funkgerät ist nur der technische Zugang zum MeshCore-Netz.

MeshCore-Funkgerät/Foto: BeuronBerlin
Smartphone und Funkgerät brauchen wenig Strom. Ein kleiner, mit Solarenergie aufladbarer Batteriespeicher mit einer Kapazität von z.B. einem KW kann über Wochen ein Dutzend dieser Geräte aufladen.
Wer selbst keine Lademöglichkeit hat, findet immer einen Nachbarn mit einem Solarpanel. In Neidingen z.B. in der Fallhütte.
Um die Notfallkommunikation in Neidingen mit der Feuerwehr in Hausen sicherzustellen, ist ein MeshCore-Funkgerät in der Feuerwache des etwa 2,5 km entfernten Hausen im Tal hinterlegt, zusammen mit einem Handy, das keine SIM-Card haben muss.

Batteriespeicher mit Solarpanel/Foto: BeuronBerlin
In Neidingen sind im ersten Schritt die vier Mitglieder des LET MeshCore-fähig. Jeder Interessierte kann MeshCore für sich privat einrichten.
Mehr muss ein normaler MeshCore-Nutzer für den Notfall eigentlich nicht wissen.
Technisch Interessierte, die in ihrer Gemeinde selbst eine Notfallkommunikation aufbauen wollen, erfahren in den folgenden Abschnitten mehr.
Einfacher Netzaufbau
Die LoRa-Modulation (CSS Variante), die Grundlage für MeshCore wurde 2009 in Grenoble von der Fa. Cycleo entwickelt. Diese Modulation bildet die physikalische Schicht aller LoRa-basierten Systeme.
Das US-Unternehmen Semtech übernahm Cycleo im Jahr 2012 und entwickelte die Technologie in seinen Chipsets weiter. Seitdem ist Semtech der globale Anbieter der LoRa-Hardware, die in den MeshCore-Funkgeräten steckt.
MeshCore nutzt eine lizenzfreie Funkfrequenz, die in ländlichen Regionen den Nachrichtenaustausch über bis zu 15 km ermöglicht. Gebäude, Bäume und Berge reduzieren die Reichweite.
Dagegen hilft jeder zusätzlich MeshCore-Teilnehmer auf dem Weg zum Adressaten, denn jeder Nutzer ist ein Knotenpunkt, der automatisch Daten weiterleitet.
Eine Besonderheit von MeshCore ist, dass es keinen zentraler Server oder Knoten gibt. Damit ist das Netz resilient gegen Angriffe und Ausfälle einzelner Komponenten.

Topografie von Beuron und Neidingen/Illustration: Uwe Lohrey
Wo es keine Nutzer gibt, etwa weil ein Gebiet unbesiedelt ist, können einfache, mit Solarmodulen ausgestattete Repeater auf erhöhten Punkten installiert werden, um Entfernungen zu überbrücken.
In der Tallage zwischen Neidingen und Hausen im Tal, wo die Feuerwehr ihren Stützpunkt hat, sind zwei Repeater erforderlich. Sie werden an erhöhten Stellen, an Felsen, Masten oder Hausdächern angebracht.

MeshCore-Netz des LET Neidingen/Illustration: Uwe Lohrey
Das Netz innerhalb der Ortschaft Neidingen und die Einbeziehung des Feuerwehrstützpunktes ist vom LET Neidingen ist bereits ausgemessen und getestet.
Das klingt nach viel Arbeit, ist es aber nicht. Zwei oder drei engagierte Bürger können ein MeshCore-Netz in wenigen Stunden aufbauen.

Webseite von HanseMesh/Foto: BeuronBerlin
In Deutschland gibt es aktuell (Stand Mai 2026) sechs lokale MeshCore-Projekte. Untereinander bestehen bisher keine Verbindungen. Allerdings haben einige Projekte ihre Erfahrungen im Internet veröffentlicht.
Alternativen zu MeshCore
MeshCore ist ein Off-Grid-Dienst, dessen Stärken wegen seiner theoretischen Reichweite vor allem im ländlichen Einsatz liegen. Die Begriffsvielfalt alternativer Systeme und Technologien ist groß: Meshtastic, LoRaWan, MeshWAN, MeshCOM, usw.
Da MeshCore erst seit wenigen Jahren als Weiterentwicklung von Meshtastic im Markt ist, durchschauen nur wenige Experten, wodurch sich die einzelnen Lösungen im Detail unterscheiden.
Die bekannte KiezBox 2.0 basiert z.B. auf MeshWAN, einem Mesh-Netzwerk, das private und öffentliche WLAN verbinden kann. Bei dem mehrtätigen Stromausfall in Berlin Anfang 2026 konnte die Rückfallkommunikation im Notfall erfolgreich getestet werden.
Allerdings kann das Konzept nur in dicht besiedelten Gebieten wie einer Stadt sinnvoll umgesetzt werden.
Im Vergleich zu Meshtastic liegt der Vorteil von MeshCore in der gezielten Routing-Architektur, die für stabile, großflächige Netzwerke optimiert ist.
Während Meshtastic auf ein spontanes „Flooding-Prinzip“ setzt, bei dem jedes Gerät Nachrichten wahllos weiterleitet, nutzt MeshCore ein intelligentes Verfahren, um das Funknetz vor Überlastung zu bewahren.
Außerdem hat Meshcore anders als Meshtestic eine selbstlernenden Netzarchitektur, in der sich das Netz bei Ausfall einzelner Knoten automatisch neue Routen sucht und sich so selbst repariert.
MeshCore kann mehr
MeshCore hat sich weltweit schnell verbreitet. MeshCore ist ein Open Source-Projekt wie Linux und wird von einer Entwickler-Gemeinschaft unterstützt, die international verteilt ist. Aktuell ist ein Neuseeländer der Sprecher von MeshCore.
Der MeshCore zugrundeliegende Frequenzbereich wird in Europa für das „Internet der Dinge (IoT)“ verwendet. Daher ist es nicht überraschend, dass die EnBW, ein süddeutsches Energieversorgungsunternehmen, Mitglied eines Gremiums ist, das den LoRaWan-Standard definiert.
Diese Gemeinsamkeit macht die Einbindung von verschiedenartigen Sensoren in das Meshcore-Netz möglich. Auf Bergstürze, Waldbrände und Überflutungen könnte dort, wo Sensoren in das lokale MeshCore-Netz integriert sind, schneller reagiert werden.
Aber zunächst geht es um die Notfallkommunikation. In der Sprache der Bevölkerungsschützer ist MeshCore ein System der „Rückfallkommunikation“. Damit ist gemeint, dass der Nachrichtenaustausch auch in extremen Lagen möglich ist, wenn auch mit etwas weniger Komfort als mit WhatsApp und Co.
Um die Resilienz der Bevölkerung in Krisenfällen zu stärken und die Kommunikation mit professionellen Helfern zu erleichtern, ist MeshCore ein geeigneter Ansatz.
Wer sich über das Projekt des LET Neidingen informieren möchte, kann an BeuronBerlin eine E-Mail schreiben (hsondhof@outlook.de).
Der technische Ansprechpartner für das Meshcore-Projekt ist Uwe Lohrey (uwe.lohrey@technologiewerkstatt.de).


Da tragen die Bemühungen um Zivilschutz im Donautal Früchte! Sehr gut. Das klingt nach einem sehr guten Ansatz. Ohne Kommunikation im Krisenfall laufen alle Bemühungen um Hilfe und Beistand ins Leere.
Danke Uwe und Harald!