Der vergessene Krieg – Der Gedichtband Тамплієри des ukrainischen Schriftstellers Serhij Zhadan erinnert an den russischen Überfall von 2014

Dieser Tage schenkte eine ukrainische Freundin Ihrem Berichterstatter einen Gedichtband von Serhij Zhadan. Zunächst konnte er weder den Titel übersetzen noch verstehen, warum es in überhaupt ging.

Dann wurde es klar. Ins Deutsche übersetzt lautet der Titel: “Die Templer“. In den Gedichten verarbeitet der in der Region Luhansk geborene Zhadan, die Erlebnisse des Angriffs Russlands auf die Ukraine am 20. Februar 2014.

Vielen meinen, dass Russland den Krieg gegen die Ukraine im Februar 2022 begann. Dies ist falsch ist. Der Krieg begann im Jahr 2014. 

Wer ist Serhij Zhadan?

Zhadan ist einer der führenden Literaten der Ukraine. Geboren 1974 und aufgewachsen in Charkiv im Osten der Ukraine wuchs er zweisprachig auf, mit Russisch und Ukrainisch. Seine Werke sind auf Ukrainisch erschienen.

Illustration: Olexander Roitburd

Die meisten seiner Bücher sind ins Deutsche übersetzt worden. Im Jahr 2022 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Ihr Berichterstatter las als erstes eher zufällig „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ von 2012. Das Buch behandelt Lebensfragen eines Bruderpaares. Es ist witzig, traurig, und vor allem, es vermittelt eine Wahrhaftigkeit, die selten ist.

Wer erfahren möchte, wie das Lebensgefühl in der Ostukraine bis 2014 aussah, sollte das Buch lesen.

Im Original heißt der Titel „Ворошиловград (Voroshilovgrad)“, den Namen der Stadt, die heute Lugansk heißt. 

Serhij Zhadan ist ein Kandidat für den Literaturnobelpreis. Wegen „Mesopotamien“, wegen „Internat“, wegen seiner Gedichtbände. Von denen „Templer“ einer ist.

Seit 2024 dient er in der ukrainischen Armee, um sein Vaterland vor der kulturellen Enteignung durch den russischen Neoimperialismus zu verteidigen.

Vorwort zu „Templer“

„Sie kehrten aus einem Krieg zurück, zu dem viele aufgerufen hatten und stellten fest, dass der Krieg nur ihrer war“, schreibt Zhadan im Vorwort.

In ihnen hat sich ein Abgrund aufgetan, zwischen ihrer Verantwortung und dem Krieg, über den sie nicht reden können und der sie mit Zorn erfüllt.

Illustration: Olexander Roitburd

Diesen Abgrund können nur die überwinden, die sich daran erinnern, womit alles begonnen hat. Und wie das alles enden kann.

Ein Gedicht, übersetzt

Die 39 Gedichte von Serhij Zhadan in „Templer“ haben keine Überschriften. Sie fangen einfach an. Ihr Berichterstatter hat eines ausgesucht und es nach bestem Wissen und Gewissen übersetzt.

Sollten bei der Übersetzung aus dem ukrainischen Urheberrechte verletzt worden sein, bitte melden.

Wirf die Toten über Bord,
wirf die Toten über Bord.
Lass die kalten Leichen untergehen, in Leinen verpackt.
Die Toten machen keinen Ärger, keine Sorgen.

Wirf die Toten ins Wasser,
überlasse den Mageren die Nacht,
den von Schwindsucht wie von Würmern Befallenen,
den Hunderten toten Herzen,
und den Hunderten von kalten Gesichtern,
wirf die Toten über Bord, es ist eine gute Ernte.

Wir alle werden Verdienste haben und Kraft.
Arbeite mit uns zusammen – dann wirst du deine Schulden los.
Ziehe sie herein, wie einen Fisch auf das Holzbrett.
Mache Geld mit den Toten,
wirf sie über Bord.

Alle, deren Inneres verbrannt ist,
die vom Fieber ausgewrungen sind wie ein nasses Handtuch,
die an einem Sommertag spazieren gingen,
von denen ist keine Spur, kein Zeichen geblieben.

Ausgebrannt, wie Torf.
Ausgebleicht, wie Kalk.
Steck ihre Köpfe in Säcke und Beutel.
Wirf die Toten über Bord, jetzt ist es egal.

Wir werden viel Freude am Leben haben,
auf unseren Tischen steht noch viel Wein,
Denke nicht an die Toten, an die leeren Augenhöhlen,
Rede nicht von Blut, wenn es nicht aufgemalt ist.

Unter uns sind so viele Würdige und Besondere,
die sich den siegreichen Truppen anschlossen.
Aber die Toten haben keinen Platz unter den Lebendigen.
Tote haben ihren Platz unter den Toten, wirf sie über Bord.

Danke den günstigen Sternen, für die gute Zeit,
ihre reiche Ernte, die unbeschwerten Tage.
Wer hier bis zum Ende bleibt, wird allein sein.
Etwas Besseres als seine Albträume wird er nicht mehr haben.

Serhij Zhadan, Тамплієри, S. 22 (2017)

Brutalität, Kollaborateure, Albträume

Das Gedicht hat viele Seiten.

Illustration: Olexander Roitburd

Man erkennt die fremden Eindringlinge, die morden und totschlagen. Aber es geht auch um die, die sich den Invasoren angeschlossen haben. Weil es Vorteile bringt, weil es schon andere taten. Am Ende ist es ihr Schicksal, von ihren Taten in ihren Albträumen verfolgt zu werden.

Sergij Zhadan hält die Erinnerung an diesen vergessenen Krieg von 2014 wach.

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