Wie ist die Stimmung in der Ukraine nach viereinhalb Jahren Krieg? Was die Umfragen sagen

Der Ausgang des russischen Angriffskrieges hängt vom Militär und vom Widerstandswillen der ukrainischen Bevölkerung ab. Wie ist mit letzterem nach mehr als 1.692 Kriegstagen bestellt?

Die Umfrageergebnisse verschiedener Institute sind in einem eindeutig. Die Mehrheit der Ukrainer ist bisher nicht zu einer Kapitulation oder zu einer Abtretung der von Russland beanspruchten Ostregionen bereit.

Wer macht die Umfragen?

Die Ukraine ist ein freies Land, in dem mehrere private und akademische Institute regelmäßig Umfragen durchführen. Dazu gehört auch Gallup, ein international führendes US-Institut.

Das Kiev International Institute of Sociology (KIIS) gilt als das führende ukrainische Umfrageinstitut. Die Umfrageergebnisse werden u.a. von deutschen Forschungsinstituten wie dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZoIS) und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) verwendet.

Die ebenfalls angesehene Rating Group führt u.a. sozio-ökonomische Befragungen durch, die sich an den Umfragen in den Mitgliedsländern der EU orientieren. Eine aktuelle Studie der Rating Group kommt zu dem Ergebnis, dass die ukrainische Bevölkerung hinsichtlich vieler Paramater nicht stark von dem europäischen Durchschnitt abweicht.

Das Besondere am Rasumkov Centre, einem weiteren demoskopischen Institut, ist die Verbindung mit einem eigenen Thinktank. Rasumkov misst nicht nur die Verbreitung von Einstellung in der Bevölkerung, sondern ordnet sie in den politischen und gesellschaftlichen Kontext ein.

Diesen (und einigen weiteren) demoskopischen Instituten ist gemeinsam, dass sie ihre Methodik bei den Umfragen offenlegen und dass sie angeben, welche Zielgruppen sie befragen. Als Außenstehender kann man also prüfen, wie glaubwürdig die Ergebnisse sind.

Die genannten Institute sind vertrauenswürdig.

Umfrageergebnisse

Gallup gibt Ukrainern seit 2022 zwei Möglichkeiten: „Weiterkämpfen bis zum Sieg“ oder „Möglichst bald verhandeln“, wobei nur eine Option ausgewählt werden kann.

Während 2022 noch 73 Prozent einen Sieg anstrebten, sind es 2026 nur noch 24 Prozent. Auf der anderen Seite ist die Verhandlungsbereitschaft im gleichen Zeitraum von 22 Prozent auf 66 Prozent gestiegen.

Aus der gestiegenen Verhandlungsbereitschaft ist allerdings nicht abzuleiten, dass die Mehrheit der Ukrainer zu Gebietsabtretungen bereit ist. Das Kiev International Institute of Sociology (KIIS) fragt seit 2024, ob die Abtretung der von Russland geforderten vier Regionen Donbass, Saporischja, Cherson und Lugansk bei gleichzeitigen Sicherheitsgarantien der USA und der EU akzeptabel wäre.

Die absolute Mehrheit ist auch nach fast fünf Jahren Krieg dagegen.

Auf die Frage „Wie lange halten Sie den Krieg noch aus?“  im September 2026 erhielt die Antwort „Solange es nötig ist“ mit 48 Prozent die meisten Stimmen. Über diese Resilienz darf man staunen.

Offenbar haben die militärischen Erfolge der ukrainischen Armee zu dieser Haltung beigetragen.

Quelle: KIIS September 2026

77 Prozent der Befragten kennen die hohen Verluste der Russen und glauben daran, dass sich die Ukraine weiter verteidigen kann.

Dier Widerstandswille hat nur begrenzt mit westlicher Unterstützung zu tun.

Kein Vertrauen in den Westen

In Deutschland vertreten nach einer YouGov-Umfrage vom Februar 2026 etwa 40 Prozent der Befragten, die Ukraine solle Teile ihres Territoriums gegen einen Waffenstillstand bzw. einen Frieden eintauschen.

Ein solcher „Tausch“ muss jedoch zu einem dauerhaften Frieden führen. Dabei spielen die Sicherheitsgarantien der westlichen Staaten eine entscheidende Rolle.

Eine Umfrage des KIIS vom Februar 2026 zeigt, dass das Vertrauen der Ukrainer in die Zusicherungen der USA und Europas geteilt ist. Vor allem traut man den USA nicht.

Quelle: KIIS April 2026

Die Befürchtung, dass ein Tausch von Land gegen Frieden nur eine Pause vor dem nächsten russischen Angriff bringt, ist nachvollziehbar.

Der Widerstand gegen eine russische Übernahme der Ukraine hat noch einen weiteren Grund.

Sorge vor „russischer“ Zukunft

Die UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission in der Ukraine (HRMMU) beschreibt die Lebensbedingungen in den russisch besetzten Gebieten als ein System weitreichender Repression, erzwungener Anpassung an russische Institutionen und zunehmender Einschränkung persönlicher Freiheiten. Sollte Russland überall seine Kriegsziele erreichen, wird alles noch schlimmer, so sieht das eine Mehrheit in der Ukraine

Quelle: KIIS Februar 2026

Das ist auch aus westlicher Sicht eine ernüchternde Zahl: Wenn 69 Prozent einer Bevölkerung davon ausgehen, dass der Angreifer ihr Land unterjochen will, ist verständlich, warum sie weiterkämpfen will.

Das ist eine Momentaufnahme nach viereinhalb Jahren Krieg. Ob das so bleibt, hängt von der Intensität der russischen Angriffe auf die Zivilbevölkerung und der Entwicklung an der Front ab.

Aussichten

Das Rasumkov Center hat Ende 2025 erstaunlich optimistisch Zukunftserwartungen iin der Ukraine festgestellt, trotz der kurzfristig schwierigen Lage: Über 70 Prozent der Befragten erwarteten langfristig eine demokratische und eigenständige Ukraine.

In einer weiteren Studie von Rasumkow vom April 2026 erklärten 66,3 % der Befragten, an einen ukrainischen Sieg zu glauben. Einen ähnlich hohen Wert hatte Gallup 2022 erhoben.

Die verschiedenen Umfrageergebnisse lassen sich vielleicht so zusammenfassen:

Die Ukrainer wollen mit Russland verhandeln, sie sind aber nicht bereit, die russischen Bedingungen, etwa zum Rückzug aus den vier Ost-Regionen, anzunehmen. Hinsichtlich der westlichen Bereitschaft zur Friedenssicherung sind sie skeptisch. Weswegen sie nach einem eventuellen Waffenstillstand bald den nächsten russischen Angriff erwarten.

Wie lange bleibt das so?

Das lässt sich nicht seriös beantworten. Bemerkenswert ist, dass nach der ersten Fluchtwelle im Jahr 2022 die Zahl der ins Ausland geflohenen Ukrainer praktisch konstant geblieben ist. Trotz Krieg, Drohnenterror und vielen Opfern

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